|
Was für ein Jahr.
Da wären die Alben der ganz Großen, wie etwa Radiohead, Queens of the Stone Age und die Ärzte die sich wie erwartet als Goldstücke heraus gestellt haben. Die fantastischen Kings of Leon haben ihren Kultstatus ausgebaut, indem sie das wohl coolste Sommeralbum des Jahres veröffentlicht haben und damit sogar die kongenialen Black Rebel Motorcycle Club abhängten, die doch ebenso immer mal wieder marginal am Rande des Charterfolgs rumlümmeln.
Das große Battle um die Vorherrschaft der Newnewwave-Gefilde musste mit Remis enden, da sowohl Interpol als auch die Editors fantastische Alben ablieferten, sich gegenseitig aber weniger Konkurrenz machten, da sich ihre Stilrichtungen doch nicht so sehr glichen, wie es noch auf den Vorgängern "Antics" und "the Back Room" erschien. Und so fließen Interpol mit überwältigend anmutiger Dissonanz in die eine, die Editors mit verzweifeltem Pathos in die andere Richtung .
The National , ein weiteres Fundstück des Sommers, dass sich erst im Winter so richtig lohnt, haben sich aus dem Untergrund in die oberen Indiereigen gespielt, haben es sogar in die Njoy-Radio Playlist geschafft, was - zugegebenermaßen - nicht wirklich Aussagekraft über ihr erstaunliches Talent hat, 80er Trübsal mit orchestral angehauchtem Indie zu vermischen. Dicht gefolgt wurden sie von den leider ein wenig unterpräsentierten aber monumentalen Manchester Orchestra, die eine schwer zu kategorisierende Mischung aus Indie und Alternative spielen, die sich mal nach Coheed und Cambria anhört und dann wieder den 90er Indie heraufbeschwört.
Und England, was war denn überhaupt dieses Jahr mit England los?
Nun, Stimmen wurden früh laut, dass der Britpop tot sei, was vor allem an den neuen Modeerscheinungen lag, wie beispielsweise dem kitscharmen britischen Emo/Screamo mit Zugpferden wie The Automatics oder Enter Shikari, oder aber auch DEM Ding der Stunde, Nu Rave, angetrieben von den peinlich gekleideten aber musikalisch begnadeten Klaxons, Shitdisco und Hadouken (allen Fans sei Glamour for Better empfohlen).
Ganz zu schweigen von den Massen an weiblichen Superchicks, die sich plötzlich "Britney sucks" auf die Stirn schrieben und weder strippend noch mit Perücke einfach nur guten Indiepop kreierten, von Kate Nash zu Bat for Lashes hin zur (nicht britischen) Feist oder dem neuen Skandal-Haar-Lollipop Amy Winehouse.
Aber Britpop wusste sich zu helfen. Da wäre zum Einen der neue Trend, Hitsingles nicht auf mehrere Alben versteckt zwischen haufenweise Füllmaterial zu packen, sondern gleich Tacheles zu reden und alles auf das Debüt zu klatschen. Dazu noch neue/alte Impulse wie britischem Hillbilly oder süßen hawaiianischen Klängen und schon konnte der Britpopper mit Juwelen wie Pigeon Detectives, Jack Penate, Larrikin Love (schon wieder aufgelöst) oder den Maccabees begeistert werden.
Und abgesehen davon war das Jahr 2007 sowieso das Jahr der gefürchteten zweiten Platte. Bloc Party, Maximo Park und die Arctic Monkeys wagten den Sprung in erweiterte Gefilde und meisterten diesen (zumindest meiner Meinung nach) hervorragend. Zwar fand sich wohl bei allen Bands eine mehr oder minder große Fangemeinde des Debüts, die sich ob der Veränderungen angepöbelt fühlten, aber alle glücklich zu machen wäre wohl selbst bei zwei Fans unmöglich.
Und auch der in den letzten Jahren ein wenig dröge dahin schleichende Indie bekam mit den neuen Alben der Guillemots, Decemberists, Portugal the Man oder den hochgelobten Okkervil River und meinem Geheimtip, den epischen Fields neue und vor allem erfrischende Stromstösse zurück ins wild zuckende Leben.
Aber, so leid es tut, gute Alben gehörten nicht immer zur Tagesordnung.
The Bravery zum Beispiel langweilten sich nicht nur auf den Bühnen ihrer Livetour, sondern auch auf ihrem Album, die amerikanischen Films nervten mit Überbeschallung zwischen Konzerten auf dem Hurricane und mit derartig dreist und uninspiertem Britpop, dass man ihnen nur noch in gut britischer Hooligan-Tradition aufs Maul hauen wollte.
Die so frische Entdeckung the Checks lieferten mit ihrem Retrorock ein zwar technisch solides, aber ebenso unüberraschendes Album und wer vorher dachte, Charisma sei im Indie nicht so wichtig, der hat wohl noch nie The Rakes live gesehen, da erschreckt man nicht nur an der Tatsache, dass diese Band außer ihrem Hit "we danced together" nun wirklich keinen einzigen guten Song im Repertoire hat, sondern verzweifelt über einer Bühnenpräsenz, die sogar eine nasse Scheibe Toastbrot auf einem Teller überbieten könnte.
Und Deutschland?
Tocotronic fangen an, Deutschland zu spalten, da man sie nur noch lieben kann, wenn man sie nicht gerade total arrogant und zum Kotzen findet, The Robocop Kraus sind wieder da (Hurra!), ebenso die Beatsteaks, die ja eigentlich nie weg waren und Wir sind Helden haben leider ein Album eingespielt, dass an Spritzigkeit einbüssen musste, und teilweise schon recht langweilig ist.
Dafür haben wir jetzt unsere eigene Britpopband, nämlich die Kilians und überhaupt, was brauchen wir 2007, wo wir doch schon 2006 Electrotrend geschaffen haben, zusammen mit Deichkind und Mediengruppe Telekommander? Na gut, ein paar internationalen Electrogurus wie Justice und Simian Mobile Disco haben da auch schon den Robot getanzt, aber die hatten sicher kein Trampolin auf ihren Konzerten, oder?
Tante Jules Tips für 2008
Nachdem ich sicherlich tausende und abertausende an Bands übersehen habe, ignorier ich einfach meine Ignoranz und wende mich der Zukunft zu. Zum Beispiel den Newcomern. Erstmal nur mit Maxis unterwegs, aber schon jetzt potentielle Superstars sind beispielsweise die Nu Raver Captain Kidd, Arschrocker Cage the Elephant oder die in England bereits veröffentlichten Fortune Drive. Ein Auge auf Britpopper Assembly Now oder die Indiekauze Vampire Weekend sollte man auch haben, wer weiß, vielleicht landen sie nächstes Jahr ja auch mal im Festivalprogramm und entzücken uns inmitten der Schlammlawinen und Sonnebrände.
Damit verabschiede ich mich für 2007 und wünsche einen guten, oder zumindest unbeschadeten Rutsch ins Jahr 2008 und frohe Weihnachten natürlich auch, ich bin ja kein Unmensch... |