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Als Startgerätebediener hat man allerhand Pflichten, kaum Rechte und schon gar keine Lust. Das lernte ich schnell, denn an meinem Hawk-System arbeiteten noch zwei weitere Kameraden, die allerdings die große Karriere bei der Bundeswehr witterten und sich leichtsinnig bis in alle Ewigkeit verpflichteten. Dumm nur, dass sie nie eine dieser Raketen haben abfeuern dürfen, denn diese Hawks waren aus den 60er Jahren und wurden kurz nach meiner Schaffenszeit abgeschafft.
Als Begründung hieß es aus Regierungskreisen, unser leistungsfähiges Radar habe leider nur eine halb so große Reichweite wie mittelmäßig moderne Kampfflugzeuge, wie sie jeder Hinz und Kunz Terroristen-Mullah besitze. Eine wenig beruhigende Tatsache, angesichts des während meiner Dienstzeit erlebten, eben jenen schicksalhaften 11.September, der die Welt ins Unheil stürzte und mir eine ganze Menge Überstunden einbrachte. Diese erlebte Weltgeschichte bedeutete für mich in erster Linie: weniger Freitagabende im Suff. Ein hoher Preis, wie ich fand, schließlich richtete sich all der Terror gegen zivile Einrichtungen und da war man angesichts dieser Gefahrenlage doch in der Kaserne am Sichersten. Also warum zusätzliche Wachdienste; Terroristen kommen sicher nicht in die Kasernen, schon gar nicht in die Einöde der Sieben-Buchen-Kaserne, die nur ein geschultes und wachsames Auge hätte finden konnte.
Wie dem auch sei, der Dienst an der „Institution“ Hawk war unnütz, soviel stand fest. Und dennoch zeichnete ich mich als guter Soldat aus, habe all die Prüfungen und Tests bestanden und genoss den Ruf des Studenten, der auf jeden Hinweis einen klugen Spruch auf den Lippen hatte.
Damit unsere Luftabwehr funktionierte, war stets in Sichtweite der so genannte Highpower, ein Richtradar mit zwei parabolspiegelähnlichen Installationen, die an die Ohren der Micky Maus erinnerten. Davor hatte man uns immer gewarnt, denn die von der Micky Maus ausgehenden Strahlen glichen von Funktionsweise und Intensität dem Inneren einer Mirkowelle. Die Jahrzehnte dauernden Gerichtsprozesse verstrahlter und nun unfruchtbarer NVA-Soldaten geisterten gerade durch die Presse, sodass höchste Vorsicht geboten war, wenn der HighPower begann zu strahlen. Damit die überwiegend männlichen Soldaten, die auf dem Gelände rumlungerten, nicht um ihre Familienplanung gebracht wurden, stand die Micky Maus auf einem Hügel und sobald das Niveau des Radarstrahls unterhalb von 0° sendete, blinkte eine Warnleuchte. Dann hieß es, Hand vors Gemächt und des ungeborenen Nachwuchs wegen, schnellstmöglich das Weite suchen. Die etlichen Mythen, die man sich zum Highpower erzählte, reichten von schmelzenden Schneemännern bis hin zu gekochten Eingeweiden unaufmerksamer Soldaten. Was wahr und was erlogen ist, wollte ich gar nicht wissen, ich wollte lediglich die Möglichkeit eigenen Nachwuchses sichern, als ich aus dem Fenster unserer Notunterkunft sah und meine Kameraden warnte: „Die Micky Maus leuchtet – direkt auf uns zu!!!“
Panisch schauten wir aus dem Fenster – Unbehagen machte sich breit:
Flieger Rattoff: „Scheiße, ich hab gewusst, dass das irgendwann passieren würde – verdammt, ich bin doch erst 19! Ich will Kinder!“, brüllte er mir ins Ohr.
„Beruhige dich erst einmal, Rattoff. Wir haben doch dieses Gitter hier vor der LSCB stehen. Das soll doch die Strahlen abfangen.“
“Meinst du etwa dieses vergammelte Gitter? Was der Wind eben gerade weggeweht hat? Man, wir sind hier schutzlos der Micky Maus ausgesetzt!“ Damit hatte Flieger Rattoff natürlich Recht. Das Gitter war nur dann wirkungsvoll, wenn es diesen Container von der Strahlung abschirmt und darauf kann man sich nicht verlassen, wenn es umgekippt im Dreck liegt und im Begriff ist, auseinander zu fallen.
„OK, Jungs. Wir müssen hier schnellstmöglich raus! Das steh fest! Wer geht als Erstes?“, fragte ich in die Runde. Eigentlich hätte ich mir die Antwort schon denken können, meine Kameraden sahen in diesen Minuten wenig mutig aus. Also verhandelten wir. Wer hat eine feste Freundin, wer ist wie alt, wer kann am schnellsten Laufen – kurz um, wer hängt wie stark an seinem/r Leben/Familienplanung!
Wir fanden eine Einigung. Wir laufen gemeinsam! Vernünftig. Wenn, dann alle verstrahlen und jedermanns Leben in eine neue, ungewisse und kinderlose Zukunft führen. Auf gings.
Rattoff entpuppte sich als Ben Johnson, Gefreiter Schmitt bekam schon nach wenigen Metern einen Wadenkrampf und ich war im Mittelfeld – aber noch lange nicht auf der sicheren Seite. Nach einem beherzten 300-Meter-Sprint erreichten wir den Kommandostand. Nach anfänglichen Schuldzuweisung, warum bitte dem krampfgeplagten Soldaten nicht geholfen wurde, klärte ein als launisch bekannter Leutnant uns über die Situation auf: „Männer, keine Angst! Die Micky Maus hat nicht gestrahlt. Aber eure kleine Einlage war für uns alle eine gute Aufheiterung. Wegtreten!“
Sehr witzig. Ich hatte Angst!
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