Herrenjahre
Geschrieben von Imperator   
Samstag, 4. Oktober 2008

Der Neue

Der Lauf des Lebens bedeutet nun einmal, Phasen abzuarbeiten die mal gut, mal weniger gut sind. Nach dem Kindergarten, nach der ersten Schule, nach der zweiten Schule, nach der Bundeswehr und nach dem Studium war der Musterweg eines Deutschen vorerst zu Ende. Erleichtert, die vielen Herausforderungen mehr oder minder erfolgreich hinter mir gelassen zu haben, begann nach dem Hochmut zu allererst der tiefe Fall. Als Student hat man es noch sehr einfach. Zwischen Lernen und Leben existieren kaum Grenzen und wenn, dann nur fließende und das bedeutet in erster Linie viel Freizeit. Der Status Student war mit sehr wichtig. Ich lebte ihn - ich zelebrierte ihn - ich liebte ihn. Denn als Student wird man immer zu den Intellektuellen gezählt, egal, ob man auf Lehramt oder Bachelor studiert. Ein Blick in die Geschichtsbücher beweist: Intellektuelle und Studenten sind die ersten, die auf die Straße gehen, sie sind aber auch die ersten, die deportiert, mundtot oder machtlos gemacht werden. Das hat auch seinen Grund. Der Student ist latent intelligent - und damit potenziell eine Gefahr.

Und dieses Pauschalurteil traf auch auf mich zu. Und so kam es wie es kommen musste, nach der Diplomverteidigung und anschließender Feier begann die Ahnungslosigkeit in der man sich wie am ersten Schul-/Studiumstag fühlt: äußerst orientierungslos. Denn die Arbeitslosigkeit ist das genaue Gegenteil des Status Student. Wo ich gestern noch als DIE Hoffnung der Zukunft unseres Landes gehandelt wurde, war ich heute nur noch eine Nummer, eine unangenehme Zahl in der Statistik, ein hungriges Maul mehr bei der Agency, wie ich die Agentur für Arbeit in Anlehnung an die CIA fortan nannte. Die Agency bemühte sich, mich aus der Statistik zu drängen. Sie überhäufte mich mit Arbeitsangeboten, die allesamt von mir abgelehnt wurden. Ich bin schließlich nicht irgendwer, rechtfertigte ich mich und stets im Hinterkopf die etlichen Querverweise zur demographischen Entwicklung, zur „rosigen“ Arbeitsmarktlage, zur boomenden Wirtschaft, zur Ingenieurserwerbsquote.
Doch ich wurde schnell auf den Boden der Tatsachen geholt.
Es folgten fünf schreckliche Monate Arbeitslosigkeit.
Als der Tag der Einstellung gekommen war, war ich mir nicht im Klaren darüber, was mich erwarten würde. Ich wusste lediglich, dass ich mich vor Arbeitsantritt in Statistik und korrelierender EDV einzuarbeiten hatte, dass ich mich um 9 Uhr morgens einzufinden habe und dass ich im 10.Stock eines Hamburger Hochhauses erscheinen solle.
Am Abend zuvor lag ich im Bett und dachte über die vielen ersten Arbeitstage nach, die ich bereits in meinem spärlichen Arbeitsleben ableistete. Zum Beispiel mein erstes Praktikum auf einer Rostocker Werft. Arbeitsbeginn 6Uhr morgens und ich musste durch die gesamte Stadt, mit dem Fahrrad. Oder beim zweiten Praktikum, bei der größten Rostocker Zeitung als mir mein Arbeitsplatz vorgestellt wurde - sehr ungemütlich, zwischen zwei gewaltigen Laserdruckern, die non-stop, meine gesamte Schaffenszeit durchdruckten!
Oder beim dritten Praktikum in einem der Rostocker Hafengesellschaften. Erster Arbeitstag hieß dort, 150 Hände zu schütteln und allen Mitarbeitern 5 Stunden Mehrarbeit aufs Auge zu drücken, weil ja jetzt „Herr X da ist und Projekt YZ macht und noch Statistiken & Ausdrucke braucht, die der letzten 10 Jahre bitte“ und die gesamte Belegschaft einerseits deshalb mich wenig herzlich empfing und anderseits aus Ermangelung ihrer Controllingkenntnissen um ihren Arbeitsplatz fürchtete.
Oder der erste Arbeittag bei meinem vierten Praktikum, bei einem großen Stuttgarter Industrieunternehmen. Man investierte nahezu den gesamten ersten Tag für Belehrungen, Sicherheitsbestimmungen, die Aufklärungen über Rechte und Pflichten von Praktikanten (da war ich schwer beeindruckt, die Rechte der Praktikanten) und allerlei anderer Sachen.
Ich lag also im Bett und dachte darüber nach und bemerkte, dass ich wohl nicht so unerfahren mit ersten Arbeittagen war, wie ich zuerst vermutete. Entweder ich war in dieser Hinsicht erfahren, oder wurde jahrelang vom kapitalistischen System ausgebeutet. Diesmal jedoch war es etwas anderes. Ich war kein Praktikant, ich war jetzt Festangestellter, ich würde Steuern zahlen, krankenversichert sein und morgens zur Arbeit müssen und Abends wieder nach Hause müssen - ohne zu wissen, was nun eigentlich schlimmer ist, das Büro oder das Zuhause – und das alles unbefristet, auf unbestimmte Zeit, also für immer!




Letzte Aktualisierung ( Freitag, 27. März 2009 )