Herrenjahre
Geschrieben von Imperator   
Samstag, 4. Oktober 2008

Heimat

„Rostock hat genau die richtige Größe – nicht zu klein, nicht zu groß und natürlich die Ostsee.“, sagen so Viele. Das stimmt natürlich, auch ich würde gern die Ostsee stets in meiner Nähe haben wollen, sozusagen als das ewig ruhige Gewissen in greifbarer Nähe oder der sichere Rückhalt, wenn mal das Geld knapp wird oder die Liebe verflossen ist. Die Ostsee spendet Wärme (im Winter), sorgt für Abkühlung (im Sommer) und drängt sich bei Liebesleid oder als Ort der Romantik in vielerlei Lebenslagen auf. Es kann sicher nicht schaden, in der Nähe der Ostsee zu wohnen. Da gebe ich jedem Heimatverbundnen recht, doch kam das für mich nicht in Frage, denn ich besuchte die Ostsee für einen Rostocker sehr selten, es gab nur beschränkte Jobchancen in der Gegend und irgendwie beschlich mich das Gefühl, an einem anderen Ort dieser Erde etwas zu verpassen. Rostock hatte seinen Wandel schon vor der Jahrtausendwende. Zu Zeiten des schier wahnsinnig gewordenen Oberbürgermeisters, der auf den Namen Arno Pöker hörte, da wusste man gar nicht, was mehr an den Darmtrakt erinnert, das Arno oder das Pöker im Namen. Arno krempelte die Stadt um, baute dies, bewilligte das, ohne jedoch auf die Finanzen zu schauen und als er dann gegangen ist, blieb der Stadt viele neue Straßen und Tunnel, aber auch viele Schulden, von der sie sich bis heute nicht erholte.
Es ist immer wieder spannend, nach einigen Wochen in die Stadt zurückzukehren und Neues zu entdecken, aber es hält sich doch immer irgendwie im provinziellem Rahmen, Rostock war nie Trend, nur lässig, aber das reichte mir nicht! Ich wollte internationales Feeling mit großzügig kulturellem Angebot insbesondere Konzerte, ich wollte Clubs, wo meine Musik gespielt wird, ich wollte alles auf einmal und da hätte ich in Rostock noch 20 Jahre warten müssen, um dieses Gefühl zu erleben, nur wäre ich dann schon alt und müde und überhaupt nicht mehr abendteuerlustig. Ich war 25! Berufseinsteiger! Endlich Geld! Aber nicht in Rostock.

Meine Beziehung zu meiner Heimatstadt ähnelt in dieser Hinsicht einer leidenschaftlichen Affäre. Etwa so, als würde man in einer Vernunftehe leben, aber alle 3 Wochen die eigene Frau mit der Jugendliebe aus Kindertagen betrügen. Mit Rostock habe ich alles zum ersten Male erlebt. Erste Freundin, erste erotische Erfahrungen, erstes Praktikum, erste Partys. Die Meilensteine meiner Lebensliebe Rostock. Doch zum Arbeiten, zum dauerhaften Leben hat es nicht gereicht. Eben doch nur eine Affäre.
Wie dem aus sei, wenn man mehr oder weniger gute Bekannte nach einiger Zeit wieder trifft und sie nach ihrem derzeitigen Wohnort fragt, sagen die meisten mit Stolz in den Augen: „Ich wohn jetzt in Hamburg! Ick wohn jetzt in München! Ich wohn jetzt in XY-City“ Sie sagen es so, als ob sie nun bessere Menschen sind, als jene, die in Rostock bleiben.
Denn es bedeutet doch nicht zwangsläufig ein besseres Leben zu haben, wenn man in Hamburg oder München wohnt. Was machen denn eigentlich die ganzen Leute in Hamburg? Kfz-Mechaniker oder Sekretärin, wo sie gerade so die Miete zusammenklauben können, dann aber doch am Arsch der Welt wohnen, eine Stunde zur Reeperbahn mit der Bahn, pah, da hätte man auch gleich aufs Land ziehen können. Was nützt mir das kulturelle Angebot, die vielen Clubs und der ganze Großstadtschund, wenn ich 60 Stunden in der Woche arbeiten muss, um mir ein Ein-Zimmer-Loch am Rande der Stadt leisten zu können. In Hamburg oder München oder Stuttgart – soviel haben diese Städte gar nicht zu bieten!

Anders Berlin, Dresden, Leipzig. Das sind Metropolen die selbst nach 18 Jahren Umbruch und Wiederauferstehen kein Stück ihrer Dynamik verloren. Man sollte heute nach Berlin ziehen um noch ein bisschen von dieser Aufbruchstimmung riechen zu können, bevor es zu spät ist und die Hollywoodstars den rustikalen Charakter der Stadt mit ihren Werbe- und Merchandise-Millionen aalglatt bügeln, bis es in Berlin genau so aussieht wie in jeder anderen x-beliebigen Stars- und Sternchen Metropole.
Kokain, Betty Ford, verbrannte Erde. Das geht dann ganz schnell. Wenn die Stars kommen, ist alles zu spät! Soll der ganze Celebrity-Mob doch nach Anklam gehen. Ein bisschen Glamour könnte man dort gut vertragen.

Doch mich zog es ausgerechnet nach Hamburg, da wo die meisten Millionäre wohnen, wo die dünnsten Menschen leben – ich bin weder das ein noch das andere. Dabei sind das die wesentlichsten Voraussetzungen um in Hamburg eine Wohnung zu finden.
Wohl situiert muss man in erste Linie sein, denn nahezu alle Mietobjekte laufen über Makler, was wiederum Courtage bedeutete und durch die angespannte Wohnsituation waren selbst runter gekommene und schäbige 60er Jahre Buden unbezahlbar teuer geworden. Ein Umstand, der die Wohnungssuche erheblich erschwerte.
Die zweite Voraussetzung war, dass man schlank sein muss, damit man auch alle Räume der typischen Hamburger 2,5 Zimmerwohnung nutzen kann. Während meiner Suche habe ich Badezimmer betreten, wo ganz offensichtlich Japanische Kompetenz importiert wurde, um auf 2 m² die Duschkabine, die Toilette und das Waschbecken unterzubringen. Reiner Calmund hätte sich nicht einmal hinsetzen können. Der hätte dann im Stehen kacken müssen. Man stelle sich das einmal vor!




Letzte Aktualisierung ( Freitag, 27. März 2009 )