Herrenjahre
Geschrieben von Imperator   
Samstag, 4. Oktober 2008

Selbstauskunft

Zwischen Einstellungsbescheid und Arbeitsbeginn lagen nur wenige Tage. Ich hatte für Hamburger Verhältnisse viel Glück. Zwei Anrufe und zwei Wohnungsbesichtigungen hat es gebraucht, um eine Bleibe zu bekommen, zumindest für drei Monate, zur Zwischenmiete.
Ottensen in Altona war eine schöne Gegend, erinnerte mich irgendwie an die KTV in Rostock wie ich sie mir immer gewünscht hatte. Aber es war eben nur zur Zwischenmiete. Nach einem Monat begann ich mit der Suche nach einer eigenen Wohnung – ich wollte mit meiner Freundin zusammenziehen, das heißt am besten eine 3-Zimmerwohnung in Innenstadtlage, mindestens 65m² mit EBK und Balkon. Ohne Courtage, denn wir hatten beide nichts zu verschenken.
Nun stamme ich ja aus einer Gegend, in die Wohnungssuche als sehr unproblematisch gilt. Im Internet suchen, anrufen, einen Termin ausmachen und bei Gefallen mieten. Das dauert meist nur 2 Wochen. Ähnlich war es in meinen anderen bisherigen Wirkungsstätten. Nun war ich ja nicht weltfremd und plante für eine neue Wohnung nach oben genannten Kriterien 2 Monate Suche sowie bis zu 1/3 meines Gehaltes ein.
Wir hatten alles sehr genau geplant. Da meine Freundin an ihrer Magisterarbeit schrieb, hatte sie viel Zeit und plante die Wohnungssuche. Sie recherchierte, machte Termine und am Abend, nach meiner normalen Arbeit, begann für mich der zweite Arbeitstag, die Wohnungsbesichtigungen. Und das waren nicht wenige.
Die erste Besichtigung war dann auch gleich die Begegnung mit der Realität. Es handelte sich laut Vermieter um eine „sehr schöne Eimsbüttler Altbauwohnung“. Ich hatte leider nicht die genaue Adresse, aber das war auch überhaupt nicht notwendig. Hektisches Treiben auf der Straße, keine Parkplätze, alle Menschen strömten in eine Richtung. Mit dem unguten Gefühl, dass alle Passanten auf der Straße auch zu dieser Wohnungsbesichtung wollten, reihte ich mich ein und landete tatsächlich in dem Haus, wo die Wohnung ausgeschrieben war. Allerdings kam ich nur in den Eingangsbereich des Hausflures. Überall Menschen, eine lange Schlange unterschiedlichster Leute drängte sich auf der Treppe. Die Wohnung befand sich im 4.OG. Nach zwei Stunden warten, bat mich ein offensichtlich angetrunkener Mann, der das Nachmieter-Prozedere zum Happening machte, in seine Wohnung. Er hielt eine Astra-Bombe in der Hand, faselte etwas von „immer rein, schau dich um, hier der Zettel zur Selbstauskunft.“
Die freiwillige Selbstauskunft, bis zu diesem Tage hatte ich nur davon gehört, nun hielt ich das höchst wichtige Dokument selbst in der Hand. Neben Name, Anschrift und Telefonnummer der einziehenden Personen, des derzeitigen Vermieters und möglicher Bürgen (so viele Daten muss man erst einmal im Kopf haben) leuchtete auf dem Papier die alles entscheidende Spalte: „Einkommen“
Für gewöhnlich soll man ja nicht lügen, aber in diesem Falle war es keine Lüge sondern ein notwendiges Instrument der Wohnungssuche. Ich schrieb „Ingenieur = 55.000“. Auf dem Tisch, wo ich die Selbstauskunft ausfüllte, häuften sich die Zettel der anderen Interessenten. Beamter = 60.000 Brutto/Jahr, Selbstständiger / 75.000, Journalist 60.0000, Prof.Dr. XY >100.000.
Und schon war ich und auch der Datenschutz aus dem Rennen.
Mit jeder Wohnungsabsage fiel mein angegebenes Einkommen höher aus. Den Höhepunkt markierte der Tag, als meine Freundin bessere Chancen in einem Wohnungsbewerbungsgespräch witterte und uns kurzerhand vermählte. „Mein Gatte verdient 70.000 im Jahr. Wir wollen keine Kinder. Katzen? Natürlich nicht.“
Auch das half nicht. Nicht einmal das Double-Income-No-Kids-Argument ist von Bedeutung. Der Hamburger Wohnungsmarkt folgt anderen, unergründlichen Gesetzmäßigkeiten.
Es folgten 2 Umzüge in Zwischenwohnungen bis wir wieder nur zur Untermiete diesmal aber unbefristet eine kleine Bleibe gefunden hatten. Die sechs anstrengenden Monate der Suche hatten endlich ein Ende - die Zeit der dreisten Lügen auch.




Letzte Aktualisierung ( Freitag, 27. März 2009 )