Herrenjahre
Geschrieben von Imperator   
Samstag, 4. Oktober 2008

Lieber Spät- als Mittelschicht

Da war er nun, der erste Arbeitstag. Um keinen schlechten Eindruck beim neuen Arbeitgeber zu hinterlassen, wollte ich um jeden Preis pünktlich sein, das war mir sehr wichtig. Ich fuhr die neue Strecke mit dem Auto am Vortag ab, damit ich böse Überraschungen vermeide. Ich zog meinen besten Anzug an, da ich nicht genau wusste, ob es eine Kleiderordnung gibt und falls ja welche. Lieber over- als underdressed, dass war meine Devise, schließlich kann man sich über die Wochen klamottenmäßig problemlos „downgraden“ wenn es das Kollegium so wolle, aber „upgraden“ schien mir da schon bedeutend schwieriger.

Fahrlässigerweise hatte ich beim Vorstellungstermin lügen müssen, als man mich fragte, ob ich rauchen würde. In der Überzeugung als Raucher schlechtere Karten zu haben, war ich, zumindest beim neuen Arbeitgeber, vorübergehend Nichtraucher. Dass diese Lüge mir schon am ersten Arbeitstag auf die Füße fallen würde, hatte ich damals nicht bedacht und nun musste ich meine vorerst letzte Zigarette im Auto, heimlich und overdressed, genießen, bevor es hieß, 8 Stunden ohne. Super Voraussetzungen für einen Start in das zweite Leben.

Punkt 8:58 Uhr, genau 2 diplomatische Minuten vor Arbeitsbeginn stand ich vor der Tür im 10.OG. Die Tür war verschlossen, ich klingelte zweimal bis der Türsummer die Ruhe im Treppenhaus brutal durchschnitt und mir Einlass gewährte. Das erste, was mir beim Eintritt entgegenkam, war ein angenehmer Kaffeegeruch. Jemand, ich nahm an die „gute Seele im Hause“, hatte frischen Kaffee aufgesetzt. Ich trat vorsichtig zum Empfang, sah, wie ein Gestalt in einem Büro verschwand und sonst keine Menschenseele. Es war Dezember, draußen mogelte sich die schwache Morgensonne am Nebel und den Häuserschluchten vorbei, drinnen hatte man vergessen die Beleuchtung anzuschalten. Ich tastete mich Meter für Meter voran, zunehmend unsicherer, vielleicht hatte ich mich ja doch im Tag geirrt oder meine Uhr ging nach oder was auch immer. In solchen Situationen zweifelt man zuerst an sich selbst, bevor man das System, das große Ganze in Frage stellt. Obwohl ich schon fest davon ausgegangen bin, hier ungeduldig erwartet zu werden, am besten mit großem Hallo und Empfang, erwuchs in mir leise Selbstzweifel. Der Kaffeeduft war zumindest schon da, also musste ja jemand hier herumlaufen. Es sei denn, es handelt sich um eine dieser modernen Kaffeevollautomaten, die den ersten Espresso per Zeitschaltung und sozusagen „auf Verdacht“ zubereiten und ich mich doch geirrt hatte und heute Samstag oder irgendein seltener regionaler Feiertag ist, den nur die Einheimischen kennen, sonst keiner und schon gar nicht ein völlig aufgeregter und ahnungsloser Rostocker wie ich. Schrecklich diese Nervosität, keine klaren Gedanken, welch eine üble Laune der Natur.

Als ich einmal durch das gesamte Büro gegangen war, kam am Ende des letzen Ganges endlich die Erlösung. Ein junger leger gekleideter Mann stand vor plötzlich mir und fragte ob ich Florian sei. Er bat mich gleich in ein Einzelbüro um Formalitäten zu klären, fragte, ob ich einen Kaffee wolle und meine Sachen ablegen will. Ich war sehr dankbar für diesen Augenblick, dass mich jemand aus dieser Orientierungslosigkeit herausriss und meine Gedanken wieder geordnete Bahnen nehmen konnten, aber auf den Kaffee freute ich mich am meisten.
Als er wiederkam, waren seine ersten Worte: „Zu allererst: Du brauchst hier nicht so festlich ankommen. Hier läuft keiner so rum.“ Ich hatte es geahnt.
„Naja, das ist hier der kleine Konfi, hier machen wir so kleine Meeting. Ich bin Stefan, deine und meine Kollegin Katja kommt heute etwas später und unsere Chefin ist im Urlaub. Ich habe hier einen Einarbeitungsplan, den wir normalerweise bei Neueinstellungen alle durchlaufen müssen, aber zur Zeit ist eine wichtige Messe und deshalb ist die halbe Firma nicht da und außerdem wurden wir letztens von einem amerikanischen Unternehmen gekauft, was bedeutet, dass die meisten der Infos, die du in den nächsten Tagen und Wochen hören wirst, ohnehin nicht von ewiger Bedeutung sein werden. Was auf jeden fall nicht schadet, ist, wenn du dir mal diese Flyer und Prospekte durchliest. Ich muss leider noch schnell etwas fertigmachen, aber danach machen wir mal die richtige Vorstellungsrunde. Wenn was ist, ich sitz da drüben, dein Schreibtisch steht noch nicht, aber das wird im Laufe des Tages noch erledigt. Bis nachher also.“

Okay, der neue Arbeitgeber war offensichtlich bestens auf mich vorbereitet. Wusste eigentlich einer, mal abgesehen von diesem Stefan, von meiner Einstellung?




Letzte Aktualisierung ( Freitag, 27. März 2009 )