| Herrenjahre |
| Geschrieben von Imperator | |
| Samstag, 4. Oktober 2008 | |
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Schmuddelfrust Die ersten Tage waren seltsam. Meine ersten Aufgaben hatten soviel mit meiner Ausbildung zutun, wie Marktforschung mit Forschen. Es hieß, einen ellenlangen Text vom Englischen ins Deutsche zu übersetzen. Eine Aufgabe, die wohl jeder Dahergelaufene hätte besser erledigen können als ich. Nach 5 Jahren Studium und einer langen Zeit der Arbeitslosigkeit hatte ich auch vollkommen verlernt, wie man 8 Stunden auf einem Stuhl sitzt, der zudem nicht sonderlich bequem war. Mein neu eingerichteter Arbeitsplatz hatte zusätzlich etwas von Unaufgeräumtheit, so als wolle man gleich den Laden auflösen oder umziehen oder so etwas. Kurzum: Irgendwie war die Atmosphäre nicht von Gemütlichkeit geprägt. Als die Uhr den 1-Uhr Strich bereits zum zweiten Mal des Tages überquerte, fragte mich Stefan, mein Kollege, ob ich mit ihm und „ein paar anderen“ essen gehen wolle. Der Laden, den er vorschlug, trug den wenig schmeichelhaften Namen „der Schmuddlige“ - eigentlich ein Italienisches Restaurante mit Mittagstisch, aber „Schmuddel“ war beim Betreten tatsächlich der richtige Begriff. Es war nicht richtig dreckig, dann hätte der Laden auch „der Dreckige“ heißen müssen – aber so richtig sauber war es dort auch nicht. Schmuddelig ist tatsächlich der perfekte Ausdruck für die Reinheit dieser italienischen Taverna. Stefans angekündigte „Anderen“ waren seine Kumpelkollegen aus dem Stockwerk über unserem. Im 11. OG verbarrikadierte sich die IT-Abteilung, die beim Betreten ganz ordentlich nach Schweiß stank, in fester Männerhand war und nicht gerade als raffiniert dekoriert galt. Und da saßen wir nun, ein Russe, ein Spanier, drei seltsame Norddeutsche aus dem Hamburger Umland und ich – im Restaurant „Der Schmuddlige“. Die Gespräche schwankten zwischen Poker Big Blind Anekdoten und CPU-Performance-Rezensionen. Ich fühlte mich noch vor dem Reichen des Getränks deplatziert und genervt. Als die Gespräche oder besser das Nerdgebalze eine Richtung einschlug, in der auch ich etwas sagen konnte, entgegnete mir die blanke Unwissenheit: „Wer ist Frank Lehmann?“ Nach diesem ersten Scheitern mit Stefan und seinen IT-Kumpels versuchte ich es am nächsten Tag mit dem erlauchten Kreise meiner Kollegin Katja. Sie war eine gebürtige Tschechin mit Rheinländer-Dialekt. Sie war vernetzt mit den Kollegen meiner Etage, was nach dem Reinfall des Vortags Besserung versprach. Als auch sie in der Mittagspause den Schmuddligen ansteuerten, ahnte ich schon, dass die Gespräche ebenfalls nicht nach meiner Fasson laufen würden. Witzlose Witzversuche dominierten die Tischunterhaltung. Bemühte aber wenig geistreiche Konversation mit mir blieben glücklicherweise die Ausnahme. Geschichten von ehemaligen Firmenlegenden waren Thema Nummer eins. Immer dann, wenn ich mich aus der Unterhaltung im Geiste verabschiedete, da ich die Personen über die geredet wurde, ohnehin nicht kannte, kam aus irgendeiner Ecke des Tisches: „Und wo kommst du so her?“ Ihre Bemühungen mich in das Gespräch einzubinden, rechnete ich ihnen hoch an, aber den Vorwurf der vollkommen plumpen, zusammenhangslosen Art der Anrede müssen sie sich gefallen lassen. „Aus Rostock.“ - „Aha, Rostock... jedenfalls hat sie dann zu blablablablablabla“ Ich will ja nicht behaupten, dass erste Kontaktversuche mit Kollegen standardmäßig von Froh- und Tiefsinn geprägt sind, aber ich bilde mir ein, ziemlich schnell zu merken, ob ich in die Runde passe oder nicht. Und die vergangenen zwei Mittagstische beim Schmuddel hatten mir gereicht, um ein Urteil zu fällen. Fortan machte ich alleine Mittagspause. Anfangs ließ ich mir noch Ausreden einfallen, warum ich nicht zum Essen mitkäme, aber das hab ich nach zwei Wochen aufgegeben, vielmehr war es auch nicht mehr nötig, denn man fragte mich nun auch nicht mehr. Meine Wegbegleiter in jenen Mittagsstunden waren ein Happen vom Bäcker, meine Telefon-Flatrate und Tageszeitungen. Durch den Luxus, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, hatte ich auch zu ungemütlichen Wetterlagen einen Hort der Ruhe. Abstand nehmen vom Stumpfsinn der Arbeit. Abschalten. In diesen Mittagsstunden reiften in mir zuerst das Bewusstsein und später die Gewissheit der inneren Kündigung. Der Albtraum eines jeden HR-Managers. Mir war jetzt alles egal. Nächster Beitrag: I heart Nerds |
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