| Das Kulturbande-Schweden-Spezial |
| Geschrieben von Imperator | |
| Montag, 10. Januar 2005 | |
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Spätestens seit dem der FC Hansa Rostock begonnen hat, die Schwedischen Fussballspieler einzeln über die Ostsee zu schmuggeln, besteht auch für uns Deutsche ein erhöhter Aufklärungsbedarf über das Land und die Leute dieses Staates. Denn Schweden hat nicht nur Ingrid Bergmann, The Hives, Elche und Magnus Arvidsson zu bieten. In diesem Schwedenspezial hat Kulturbande für den aufgeschlossenen Europäer Erfahrungsberichte zusammengestellt, die eventuell mit Klischees aufräumen und uns helfen, dieses Volk besser zu verstehen.
Aufschlussreiches über die Schweden von Colin Moon, Kommunikationstrainer Ich habe das große Glück, seit 20 Jahren in Schweden zu leben. Deshalb gestatten Sie mir, das eine oder andere zu erzählen, dessen sich die Schweden womöglich gar nicht bewusst sind. Die Schweden denken natürlich, sie seien normal, ziemlich gefühlvoll und recht logisch. Ich finde sie amüsant, unterhaltend, und manchmal wirklich äußerst eigenartig.
Die Schweden bezeichnen sich voller Stolz als diplomatisch und aufrichtig. Sie und weitere 99% der nicht schwedischen Weltbevölkerung wundern sich, wie man überhaupt beides sein kann. Fragen Sie mich nicht, aber die Schweden kriegen das irgendwie hin, Diplomaten zu sein; sie sind auch neutral. Jahrhunderte politischer Neutralität hat sie gelehrt, niemals Partei zu ergreifen. Oder vielleicht erst dann, wenn sie wissen, wer als Sieger hervorgeht. Krieg ist schließlich etwas, was Fremde in den Ländern anderer Völker betreiben. Die Schweden diskutieren die Probleme stattdessen. Sie diskutieren bei den Vereinten Nationen, auf Gewerkschaftskongressen und am Küchentisch. Alle geben ihre Meinung zum Ausdruck und alle hören zu. Dann schließen sie einen Kompromiss. Das Wort Kompromiss klingt wie Musik in den Ohren eines Schweden. Jeder bekommt dann etwas ab. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Niemand gewinnt und niemand verliert. Ich gehe davon aus, dass wir alle den Frieden lieben. Doch die Schweden lieben ihn noch mehr. Die Schweden sehen sich als extreme Liebhaber des Friedens. Dass der berühmte Schwede Alfred Nobel genügend Dynamit erfand, um unsereins in die Luft zu sprengen, gehört hier nicht zur Sache. Da sie den Frieden so lieben, wollen sie auch jeglichem Konflikt aus dem Weg gehen. „Ja“ oder „Nein“ zu sagen, kann zu Konflikten führen, weshalb die Schweden diese Worte meiden und sie durch ein „kommt drauf an“ , „vielleicht“ und „mal sehen, was ich tun kann“ ersetzen. Unsereins würde sich vielleicht darüber ärgern, die Schweden nennen das dann hysterisches Verhalten. Hysterie ist anormal und unangenehm und sollte möglichst nicht während der Geschäftszeit vorkommen. Sollte Ihnen allerdings ein Schwede jemals raten, sich an einen Ort namens „hellsike“ zu begeben, dann, und das dürfen Sie mir glauben, haben Sie ihn wirklich wütend gemacht. Die Schweden lieben es, mittelmäßiger zu sein als alle anderen. Auf Partnersuche beschreiben sich die Schweden in Kontaktanzeigen als „ganz gewöhnlicher Kerl“, oder „ganz normales Mädchen“, einfach „wie alle anderen auch“. Während unsereins wahrscheinlich als jemand Besonderer gelten möchte, versuchen die Schweden tatsächlich nicht aufzufallen. So mögen es die Schweden, weshalb sie sich sehr aufregen, wenn sie über die Normalität einer Person lesen. Nun denken Sie, ich mache Spaß, oder? Die Schweden prahlen ferner damit, ganz normale Dinge zu tun: im Grünen zu wandern, Beeren zu pflücken und im Garten zu graben, nichts Außergewöhnliches also. Und es stimmt wirklich, die Schweden lieben es im Freien zu sein und in der Natur aufzugehen. Sie kennen die Namen jedes einzelnen kreuchenden und fleuchenden Insekts, sie wissen in welcher Tonart die Vögel morgens zwitschern und zu welcher Jahreszeit eine bestimmte Blume blüht und wann nicht. Doch ich wette mit Ihnen, sie kennen nicht die Namen ihrer Nachbarn. Glauben Sie an Gleichheit? Vergessen Sie es, die Schweden sind gleicher als wir es je sein können. Reiche, erfolgreiche Menschen, von denen es erstaunlicherweise einige gibt, leben in stattlichen Villen auf den zahlreichen und faszinierend schönen Schären außerhalb Stockholms. Wenn Sie diese Menschen fragen, behaupten sie, in einem kleinen Haus am Stadtrand zu leben. Sie kleiden sich sportlich und tragen Segeltuchschuhe wie jeder andere auch und man kann sie keineswegs von einem Durchschnittsschweden wie Sven oder Ingrid unterscheiden. Schwedische Chefs sind eine weitere Gruppe, die vom Streben nach Gleichheit geprägt ist. Sie wollen von ihren Mitarbeitern mit dem Vornamen (und dazu noch der Koseform) angesprochen werden, was ziemlich vertraulich klingt. „Hallo, Bengan!“, rufen die Mitarbeiter dem Finanzchef zu. „Wie geht´s, Maggan?“, fragen sie die fürs Humankapital verantwortliche Direktorin. Sie glauben, Sie seien gut organisiert? Mitnichten. Die Schweden sind organisierter als Sie das je für sich erhoffen können. Sie sind auch zahlenmäßig organisiert. Wenn Sie ein Geschäft betreten, wird von Ihnen erwartet, dass Sie am Apparat eine Nummer ziehen. Auf dem Zettel stehen zwei Nummern. Die eine ist Ihre Nummer in der Schlange, die andere teilt mit, wie viele Minuten Sie ab dem Zeitpunkt des Nummernziehens warten müssen. Dies ist selbstverständlich eine wesentliche Information für Menschen, die während jener 17 Minuten Wartezeit etwas Nützliches tun wollen. Schweden, die Zeit sparen können, haben unmittelbar das Bedürfnis, diese Zeit mit anderen Aktivitäten zu füllen. Sie eilen aus dem Geschäft und hinein in ein anderes, wo sie am Apparat eine weitere Nummer ziehen. Nummer 89 und 14 Minuten Warten. Gerade ausreichend, um zum Postamt zu hetzen. Die Schweden haben dafür ein Wort – hinna –, das ganz einfach „genug Zeit, um etwas zu erledigen“ bedeutet. Der schwedische Begriff eines persönlichen Misslingens lässt sich ganz einfach beschreiben mit den Worten „jag hann inte“ – ich habe es einfach nicht geschafft. Die Schweden haben ein Monopol auf Fairness. Das bedeutet, wenn Sie je in ein Restaurant eingeladen werden, dann erklären Sie bereitwillig, für sich selbst zu zahlen, genauso wie jeder andere das auch tut. Dies ist eine Notwendigkeit, wenn Sie finanziell solvent bleiben möchten. Ich lud einmal Freunde zu einem Essen ein und musste mich danach bei meiner Bank verschulden. Wenn die Rechnung kommt, dann einfach genauso wie alle anderen am Tisch reagieren. Kritzeln Sie frenetisch den Betrag, für den Sie gegessen und getrunken haben auf eine Serviette und versuchen Sie alles zu addieren – gar nicht einfach nach den soeben gekippten vier oder fünf Gläsern. Wenn Sie ihren schwedischen Freunden wirklich imponieren wollen, dann kommen Sie ausgerüstet mit einem Taschenrechner und rechnen den Betrag für jeden einzelnen aus, bis zur letzten Krone. Es dauert nicht lange, bis Sie das eine oder andere über die Schweden feststellen. Als erstes sind sie nicht so normal, wie sie uns glauben machen wollen. Aber sie sind äußerst liebenswürdig. Sie sind freundlich, informell und mitteilsam. Und deshalb haben sie diese sehr umfangreiche Webseite für Sie eingerichtet. Sie sind auch sehr großzügig …weshalb ich Ihnen das eine oder andere über sie erzählen durfte. (Quelle: Internetseite des Schwedischen Instituts) Ein weiterer Bericht erschien vor einigen Wochen in der Deutschen Presse und räumt mit Klischees auf:
Schweden über Schweden: «Eisbären: Nein. Hübsche Blondinen: Ja» Stockholm (dpa) Mangel an dümmlichen Klischees über ihr Land müssen auch die Schweden nicht beklagen. Der Inhalt aber macht die Skandinavier traurig. »Ein krypto-kommunistisches Land, bevölkert von Eisbären, dummen, aber willigen Blondinen und melancholischen, sich maßlos betrinkenden Selbstmördern» sei man in den Augen allzu vieler Menschen überall auf der Welt, beklagt das hochoffizielle «Schwedische Institut» mit Regierungsauftrag auf seiner Internetseite. Unter dem Bild eines teilnahmslos blickenden Eisbären, daneben ein trostloser Plattenbau und drei selig lächelnde Blondinen in schneeweißen Kleidern, wird vor allem auf die niederschmetternde Wirkung des Klischees von «Inga aus Schweden» hingewiesen: «Viele moderne schwedische Frauen sind es leid, dass niedliche, leichtfüßige und begriffsstutzige Blondinen in der Welt des Films so häufig als Schwedinnen dargestellt werden.» Dass diese dann auch noch oft in landesfremden kurzen Lederhosen herumlaufen, führt das Schwedische Institut auf die Unfähigkeit Hollywoods zurück, Schweden und die Schweiz auseinander zu halten. Man könne dem zähen Eigenleben der Klischeesammlung «Sex, Sünde, Selbstmord, Sozialismus» nur begegnen, indem man mit jedem einzelnen abrechne, schreibt das Institut und macht sich mit bewundernswerter Geduld und noch mehr Selbstironie an die Sisyphusarbeit. «Eisbären: Nein. Hübsche Blondinen: Ja», wird den Lesern dann überraschend knapp, dafür aber gleich in sechs Sprachen einschließlich Ungarisch die nackte Wahrheit mitgeteilt. Ein paar unschuldige, aber vorher von anderen so nie gewagte Nacktszenen in Filmen Ingmar Bergmans und anderer Regisseure aus den fünfziger und sechziger Jahren haben den Schweden den Mythos der angeblich so verbreiteten «Sünde» beschert. «Es stimmt, dass die Schweden ein etwas entspannteres Verhältnis zu Nacktheit und Sex haben», versucht das Schwedische Institut doch auch ein bisschen Honig aus den sonst so belächelten Vorurteilen zu saugen. Geduldig und nicht ohne Raffinesse erklären die Institutsautoren dem Leser, wie die - natürlich allesamt ganz und gar verkehrten - Klischees vom wild trinkenden Schweden im angeblich sozialistischen Gleichmacher-Land historisch zusammenhängen. Die (männlichen) Wikinger hätten einst aus dem gemeinsamen Trinkhorn exakt die selbe Menge Met zu sich genommen und dafür neben praktischen Regeln auch den schwer in andere Sprachen zu übersetzenden Wesenszug »lagom» entwickelt. «Herrlich normal sein» bedeute das in etwa und gehöre auch heute zu den schönsten Komplimenten, die man den Schweden machen könne - Nobelpreisträgern, Rockstars und Königin Silvia eingeschlossen. Auch bei der Vorstellung der heimischen Tierwelt verbinden die Stockholmer Landeskundler locker Klischees, Selbstironie und ein bisschen Stolz auf ihr Land: «Der Elch kann als Teil der schwedischen Antwort auf die Großen Fünf Afrikas betrachtet werden.» Wohlgemerkt: als Teil. Furchtlos setzen sie den legendären «Big Five» Löwe, Elefant, Nashorn, Leopard und Kaffernbüffel vom Schwarzen Kontinent neben dem breitmäuligen König des Waldes auch Wölfe, Bären, Luchse und den Vielfraß entgegen. Statistische Daten: Fläche: 449964 km² Einwohner: 8,794 Mio Hauptstadt: Stockholm Währung: Kronen Hauptreligionen: Protestanten, Römisch-katholisch Regierungsform: konstitutionelle Monarchie Für weitere Erfahrungsberichte, bei Fragen zum Land oder Volk steht ein Schwedenerfahrener Kulturbande-Leser zur Verfügung. Im Forum wird er alles beantworten, was der Wissensbegierige bereit ist zu fragen. Eine Angenehme Restwoche wünscht, der Imperator und das Magnus-Arvidsson-Konditionskabinett Vorheriger BeitragKTV-Zone gibt auf! Neuer Platzhirsch gesichtet Nächster Beitrag: Flutkatastrophe - auch eine Deutsche Tragödie |
