| Die Sache mit Frau Stock |
| Geschrieben von Imperator | |
| Montag, 5. Dezember 2005 | |
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Vor noch nicht allzu langer Zeit erzählte mir eine Dame folgendes: „Ich habe lange an den Weihnachtsmann geglaubt. Irgendwann kam ich dahinter, dass es ihn nicht gibt. Das war ein Scheißtag!“ Es sind wohl diese Scheißtage, die man ewig im Gedächtnis behält und vielleicht erst nach 15 Jahren Therapie und etlichen, geschiedenen Ehen darüber lachen kann. Einen solchen Scheißtag erlebte ich auch einmal. Ich war gerade einmal 4 Wochen Student und hatte meine erste Prüfung. Ein Kolloquium über zerstörungsfreie Werkstoffprüfung. Man erzählte sich unter den höheren Semestern, es wäre mit Abstand das Härteste. Nicht nur weil es mündlich war, sondern weil es von einer Professorin namens Stock geführt wurde. Frau Stock war nicht so wie andere Professoren, die ich bis dahin kennen gelernt hatte. Sie war einzigartig. Sie war ein Original und sie war alt. Gefühlte 80, geschätzte 100 Jahre. Und das zeigte sie gern. Ihrer Kleidung nach muss sie ihr letztes modernes Gewand noch vor der Oktoberrevolution gekauft haben. Ich bezeichne mich nicht als Modemensch, aber auch mir ist in den vergangenen 10 Jahren aufgefallen, dass Faltenröcke und Kastenschuhe eben nicht mehr zeitlos sind. So erinnerte sie mich stark an die Trümmerfrauen des Nachkriegsdeutschlands. Es fehlte lediglich der Bollerwagen mit geklauten Kartoffeln. „Wir hatten ja nichts“ – höre ich alte Menschen sagen, aber gilt denn das auch noch für dieses Jahrtausend?Auch wenn ihre Mode schon lange nicht mehr den Mindeststandards für Altkleidercontainer entsprach, so hatte sie eine ungeheure fachliche Kompetenz. Ja, heute kann ich sagen, sie ist eine wahre Koryphäe, eine Kapazität auf ihrem Gebiet. Dem Gebiet der Werkstofftechnik. Ob Zerstörung frei oder nicht, ist in diesem Falle egal. Teil II Frau Stock hatte zudem noch einen unförmigen Körper. So schien es, als wenn in ihren Wachstumsjahren die Arme und Beine über- der Oberkörper aber unterproportional wuchsen. Ihre Arme waren übermäßig lang. So war Frau Stock die einzige Person der Fachhochschule, die am einen Ende der Tafel stand, aber am anderen Ende schrieb. Dieses Schauspiel wurde zusätzlich durch ihre Pullover unvorteilhaft verdeutlich. Sie trug nämlich ausschließlich abgetragenen Pullover, die an den Ellenbogen derart ausgebeutelt waren, sodass es den Anschein erweckte, sie würde nicht einmal ihre gesamte Spannweite ausnutzen. Wäre also die Tafel anstatt 4 Meter 8 Meter breit gewesen, hätte sie auch in dieser Entfernung mühelos schreiben können. Und das tat sie auch noch in einer ungeheuren Geschwindigkeit. Wenn sie gut drauf war, stellte sie sich in die Mitte der Tafel, zeichnete mit der rechten Hand in bemerkenswerter Perfektion das Eisen-Kohlenstoff-Diagramm inklusive farblich gekennzeichneter Stahlecke und löschte mit der linken Hand den Rest der Tafel ab. Der Student war beeindruckt, kam aber mit dem Abpinseln dieser Gemälde nicht hinterher. Doch die Jahre sind auch an Frau Stock nicht spurlos vorübergegangen. So plagte sie seit geraumer Zeit über grässlichen Ausschlag an den Händen. Sie vermutete natürlich die unter allen Lehrern gefürchtete Kreideallergie. Eine Krankheit, die in diesem Berufsstand verheerende Auswirkungen und Auswüchse erreichen kann.Um den Ausschlag nicht noch weiter zu begünstigen, entschied sie sich, die Tafel ausschließlich mit einem Handschuh abzuwischen. Da aber die Krankheit bereits in einem fortgeschrittenen Stadium war, reichte der handelsübliche Haushandschuh nicht mehr aus. Es war ein Genuss für jeden Zuschauer zu sehen, wie Frau Stock die übergroßen Veterinärhandschuhe über ihre ellenlange Arme hievte. All diese Beobachtungen konnte ich, als frischer Erstsemestler in den Wochen vor dem Kolloquium machen. Dementsprechend verängstigt war ich am Tage der großen mündlichen Prüfung. Das Thema war klar, die Fragen nicht. Auch nicht die Dauer und der Umfang der Befragung. Unsere Gruppe bestand aus 3 Herren und einer Dame. Am Prüfungstag, besser gesagt Abend, denn das Kolloquium begann erst um 18Uhr, bat Frau Stock in ihr Vorbereitungszimmer. Wir Prüflinge setzten sich um sie herum an einen Tisch, jeder ein Blatt Papier und einen Stift vor sich liegend. Frau Stock eröffnete die Runde, ging in aller Kürze auf die von ihr äußerst streng ausgelegten Prüfungsvorschriften ein und gab uns eine Minute Zeit, Fragen zum Thema zu stellen. Während dieser Zeit kratzte und pulte Frau Stock an ihrem fürchterlichen Ausschlag herum. Ich beobachtete angewidert einen leichten aber stetigen Hautschuppenregen, der sanft auf die Tischplatte rieselte. Im Anschluss begann die mündliche Prüfung. Das Drama nahm seinen Lauf, als ich in mitten der ersten Fragerunde bemerkte, zwar ein leeres Blatt aber keinen Stift mitgebracht zu haben. In Fragenrunde vier kam es dann, wie es kommen musste. Frau Stock forderte von uns eine skizzierte Darstellung von Korngrenzen. Die anderen Drei begannen eifrig zu zeichnen. Ich sah Frau Stock an und sprach mit zitternder Stimme: „Ähm, ich habe keinen Stift dabei. Könnte ich ihren benutzen?“ Etwas genervt stammelte sie irgendwas von „immer das gleiche…“ und reichte mir mit geöffneter Hand ihren Kugelschreiber. In diesem Augenblick habe ich die Hölle gesehen. Ihre Handinnenfläche war rosa-blutig, wie man es sonst nur von saftigem Rindfleisch kennt. Mir war sofort schlecht. Mir blieben aber nur zwei Möglichkeiten. Entweder ich reiße mich zusammen, tue so, als ob ich das da eben nicht gesehen habe und greife zu wie ein Mann oder ich übergebe mich und stelle mich der Prüfung nächstes Semester noch einmal. Dieser Gewissenskonflikt wiederholte sich im Laufe der Prüfung ungefähr sieben weitere Male. Am Ende dachte ich, dass sie nur deshalb so viele Fragen, dessen Antworten ein Diagramm erforderten, stellte, um mich so oft es geht in diese scheiß Situation zu bringen. Aber ich ließ mir nichts anmerken. So entwickelte sich diese Sache zum Running Gag – Ich frage höflich und sie öffnet dafür ihre Hand… Ich hatte mir in den kurzen Fragepausen einen 3-Punkte-Aktionsplan überlegt, wie, wo und wie lange ich mir die Hände nach dieser Prüfung waschen könnte. In der Ecke des Raumes entdeckte ich Kernseife, die mir für solche Zwecke geeignet erschien. Allerdings verwarf ich den Plan, als mir bewusst wurde, dass wir uns in ihrem Vorbereitungsraum befanden – dementsprechend die Kernseife nicht den gewünschten Reinigungseffekt bringen, sondern im Gegenteil die Problematik verschärfen würde. Meine Konzentration war dahin, ich war nur mit mir selbst beschäftigt, all meine Kraft darauf gerichtet, den bei mir drohenden Ausbruch dieser fürchterlichen Krankheit etwas hinauszuzögern. So hangelte ich mich eher schlecht als recht von Frage zu Frage. Nach einer Stunde, ich war gerade in Mitten einer Erörterung der Problematik Körnung von Schleifpapier, nahm sie ihre Brille Modell Nasenfahrrad ab, rieb sich die Augen und unterbrach mich: „Danke, Herr Lück, ich bemerke gerade, dass ich einen Migräneanfall bekomme. Wenn ich meine Medikament nicht rechtzeitig nehme und damit meine ich jetzt, können wir die Prüfung heute nicht mehr beenden. In einer Stunde machen wir weiter.“ Sie verließ den Raum. Ich hatte Schuldgefühle, dass dieser Anfall von meinem Geschwafel und gefährlichem Halbwissen verursacht wurde. Dann lief ich zur Herrentoilette und wusch mir mehrfach und gründlich die Hände. Wie versprochen kehrte Frau Stock eine Stunde später zurück. Ich hatte mir indes meinen eigenen Kugelschreiber besorgt, damit ich nicht noch einmal durch die Hölle gehen muss. Die Professorin kam mir nach der Zwangspause verändert vor. Wesentlich freundlicher, keine scharfen Fragen mehr - wackliger auf den Beinen als sonst war sie auch. Die Medikamente schienen starker Natur gewesen zu sein. Teil zwei der Prüfung konnte beginnen… Auf eine weitere Fachfrage, die nicht der schriftlichen Form bedurfte, erwiderte ich ein bisschen hämisch: „Zur Beantwortung möchte ich die Stahlecke im Detail aufzeichnen – jetzt habe ich ja einen eigenen Stift…“ Das sorgte zwar unter den Studenten für ein kurzes Schmunzeln, kam aber bei Frau Stock weniger gut an. „Das ist zwar nett gemeint, Herr Lück, aber die Medikamente beeinträchtigen mein Sehvermögen. Im Moment sehe ich überhaupt nichts. Also sparen sie sich das und beantworten sie die Frage einfach…ohne Stahlecke!“ Ich hatte sie soweit. Sie musste ihr körperliches Gebrechen vor uns Studenten offenbaren. Wahrscheinlich hat es ihrer jahrzehntelangen Berufsgeschichte noch niemanden gegeben, der sie in eine solche Situation getrieben hatte. Danach war die Prüfung schnell vorüber. Um 20:35 Uhr verließen wir den Vorbereitungsraum. Wir hatten die ersten von insgesamt vier Kolloquien erfolgreich bestanden. Die Folgenden waren weniger spektakulär. Wir hatten ja das Ungeheuer Prof. Stock entzaubert…aber so gründlich vorbereitet, wie bei diesen Prüfungen war ich nie wieder. Vorheriger BeitragSommermode Nächster Beitrag: Die bewährtesten Lern-Methoden |
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Doch die Jahre sind auch an Frau Stock nicht spurlos vorübergegangen. So plagte sie seit geraumer Zeit über grässlichen Ausschlag an den Händen. Sie vermutete natürlich die unter allen Lehrern gefürchtete Kreideallergie. Eine Krankheit, die in diesem Berufsstand verheerende Auswirkungen und Auswüchse erreichen kann.