| Die Willkür der Friseure |
| Geschrieben von Imperator | |
| Mittwoch, 28. April 2004 | |
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Nachdem meine Eltern den Balkondekorierwettbewerb gegen die Schwirtzkis aus dem dritten Stock verloren hatten, war auch für mich die Zeit gekommen, einige Sachen in meinem Leben neu zu ordnen. Glücklicherweise habe ich Freunde, die mich stets daran erinnerten, einen Friseurtermin geplant zu haben. Und nach Wochen der Verleumdung besorgte ich mir nun endlich eine Verabredung bei der hiesigen Friseurmeisterin Müller. Stets in der Hoffnung einmal nicht enttäuscht und niedergeschlagen nach Hause zu gehen. Denn schlechte Erfahrungen habe ich schon zuhauf machen dürfen. Den Grundstein meiner tief sitzenden Angst vor Friseursalons legte bereits ein Angestellter in den sozialistischen 80gern. Ich setzte mich auf einen klebrigen Stuhl und meinem unerfahrenen Erachten nach begann ein uralter Mann, wie es ihn im heutigen Geschäft sicher nirgendwo mehr gibt, mir die Haare zu schneiden. Es muss ein Großmeister gewesen sein, sonst hätte er sich nach meinen Frisurvorstellungen erkundigt. Aber ich hatte damals wenigstens welche. Nicht so, wie mein gleichaltriger Kumpel, der seit eh und je damit prahlt, schon mit 6 Jahren allein zu Friseur gegangen zu sein. Ein „einmal Igel bitte“ hätte ich auch noch zustande gebracht. Der alte Meister ließ sich durch nichts beirren und schnitt alles ab, was irgendwie nach Moderne aussah. Mein Ohr muss wohl dazu gehört haben, denn es blutete unaufhörlich nach dieser Tortur. Und als ich nun wie ein junger Soldat aus der Tür trat, wusste ich, ich werde nie ein anständiges Verhältnis zu diesem Handwerk haben können. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Schließlich war das nicht das einzige Schreckenserlebnis in meiner Jugend. Klassenfahrt ’95 zum Beispiel. Meine damalige Freundin, die stets den Berufswunsch Frisöse verlauten ließ, hatte Gefallen gefunden, mir den verwachsenen Fasson nachzubessern. Die Maschine summte und heraus kam ein unprofessioneller Haarschnitt der mir für den Rest der Reise den Namen „Stufenheck“ einbrachte. Heute erzählt man sich, sie wäre ein preisgekröntes Mitglied der Friseurinnung. Damals war sie es sicher noch nicht. 7 Jahre später, mittlerweile war ich bei der Bundeswehr, erzählte mir ein Kamerad, dass seine Freundin ebenfalls Wettbewerbe für sich entscheiden konnte und er so auch ein wenig vom Handwerk der Friseurkunst verstehe. Der Spieß der Kompanie stellte mir kurz zuvor ein Ultimatum, in dem ich bis 7:30 Uhr des Folgetages mich mit verbesserter Frisur zu melden habe. Da ich allerdings die Nacht in der Kaserne verbringen und mit meinen Kumpels mächtig ein trinken wollte und es ohnehin schon fernab von deutschen Öffnungszeiten war, suchte ich nach einem kompetenten Kameraden, der die haltlosen Forderungen des Spießes erfüllen konnte. Ich hatte also keine andere Wahl als ihm zu glauben. Nach einer Stunde Rasiererlärm stellte er mir sein ganz persönliches „Ohren und Nacken frei“ vor. Nun war ich nicht nur entstellt und Gesprächsthema des Abends, sondern zu allem Überfluss konnte sich der Spieß am nächsten morgen nicht an seine Worte erinnern und schaute mich mit großen Augen an, als ich standesgemäß meine Meldung vortrug. Als die Haare einigermaßen nachwuchsen und aus der erbahmungslosen Kampfmaschine ein versoffener Student geworden war, ging ich nach Stralsund, um genau diesem Klischee nachzugehen. Doch diese Stadt war alles andere als Boomcity Hairheaven. Als die Zeit gekommen war und die Schere rief, begab ich mich auf die Suche, nahm dankend Tipps von Einheimischen an und fand Friseureck Riedl. Tatsächlich an einer Ecke gelegen, wurde ich sofort auf einen Sessel gespannt. Mein Schicksal konnte unbehelligt seinen Lauf nehmen. Scheinbar eine nahe Verwandte des alten Herrn aus dem Zonen-Salon der 80er war auch sie sich ihres Vermögens recht sicher und wollte nicht wissen, wie ich mir meine Frisur so vorgestellt hatte. Selbstsicher kämpfte sie sich durch das feste Haar und als ich ein Misslingen ahnte, hatte sie mir bereits den missratenen Fasson zügig beschrieben und bat mich zur Kasse vorzutreten. Noch völlig beeindruckt von Geschwindigkeit und scheinbarer Perfektion bezahlte ich und trat mit dem gleichen schlechten Gefühl vor die Tür wie damals vor 15 Jahren. Erst am heimischen Spiegel bemerkte ich das Strafvergehen der Frisöse Ü-50 und erinnerte mich nur langsam an ihre letzten Worte: „Das trägt man hier so, das ist modern, man muss mit der Zeit gehen, einmal Waschen und die Haare liegen wieder wie vorher!“ Schon wieder ist es passiert. Ich wurde von Unkompetenz überfallen, konnte meine Angst erneut nicht überwinden und stand wie ein Stralsunder mit mittelmäßiger Frisur auf der Straße. Das ist jetzt ein Jahr und zwei Friseurbesuche her. Das Vertrauen ist noch immer armselig und äußerst gebrechlich. Und jeden morgen, wenn ich in den Spiegel sehe und sich mir die Fragen aufdrängt: „Heute wieder Mütze oder nicht?“, weiß ich, die Friseurensonne scheint nicht für mich!
Vielen Dank für die Ausdauer,
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