| Ein vergessenes Genre - Berufsbeschreibende Musik |
| Geschrieben von Imperator | |
| Donnerstag, 8. Juli 2004 | |
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Musik als bedeutender Teil unseres Lebens ist sowohl Spiegel der Gesellschaft als auch Sprachrohr der Jugend. Natürlich, meine Damen und Herren und deshalb wird auch unentwegt über Liebe und Intrige gesungen. Zweifellos wird in jenen Liedern (die fast 95% ausmachen) der Missstand in Berlin-Moabit angeprangert oder der schwere Stand von Melkkühen beschrieben. Es geht also weniger um Weltschmerz und Kontrollfunktion als vielmehr um Zwischenmenschlichkeit, um vor allem Trauer und Glück aber auch um Politik und Selbstmitleid. Doch es gibt ein kleines unschuldiges Licht am Ende des Tunnels! Eine Gruppe unerschrockener Musiker haben es sich zum Ziel gesetzt, unbedeutende Berufsgruppen endlich den gebührenden Respekt zu verschaffen, den sie verdienen. Vorreiter waren wie immer die Widerständler, deren Namen man nicht kennt, aber ihre Musik in jedem Munde ist. Mit dem Smashhit „Der kleine Trompeter“ gelang der große Schritt, generell die Musik und dessen Angestellte als eigene Berufsgruppe zu etablieren. Der Trompeter als schwächstes Glied der Musikerhierarchie verschaffte sich Weltruhm. Nun schaut man auf zu ihm. Er gehört nun zu den ganz Großen! Als allerdings der furchtbarste Krieg aller Kriege ausbrach und sämtliche Männer in Russland und anderen europäischen Staaten einen fragwürdigen Militärdienst verrichten ließ, wurde das bis dahin junge und unbefleckte Musikgenre „Berufsmusik“ entweiht und zu Propagandazwecken missbraucht. In einer solch unverständlichen Art sang man den Müttern vor, ihre Kinder für entsprechende Arbeit zur Verfügung zu stellen. Heißt es nicht: „Wer will fleißige Handwerker seh'n, Der muß zu uns Kindern geh'n. Stein auf Stein, Stein auf Stein, Das Häuschen wird bald fertig sein.“ Erschreckend direkt wurde zu bedingungsloser Kinderarbeit aufgerufen. Noch erschütternder ist allerdings, dass dieses Lied auch heute noch den Kindern vorgesungen wird, nur damit sie eines Tages glauben, der Haushaltsabwasch wäre tatsächlich eine für Kinderhand geschaffene Arbeit. Wie weitreichend die Bedeutung gesungene Texte über Berufsgruppen sind, zeigt das Beispiel der Kirsti 1969. Sie sang fröhlich „Ein Student aus Uppsala“, einer schwedischen Universitätsstadt und veränderte damit verheerend das typische Bild eines Studenten. Wo einst der Student als äußerst intelligent und fleißig galt, suggerierte sie der Welt das Gegenteil: „…Auf die Hütte im Schnee und ich sagte O.K. In der Sonne im März, da verlor ich mein Herz, Als ich ihn damals sah, er war Student aus Uppsala“ Fortan verbindet man mit dem Begriff Student fettleibige Mittdreißiger, die in wilden Apres- Skipartys unschuldigen Mädels das Herz brechen. Ein ganzer Berufsstand wurde rücksichtslos in den Dreck gezogen. Mit diesem Vorurteil haben heute noch Studierende zu kämpfen. Die Musikgeschichte hält aber auch hoffnungsvolle Lieder bereit. Das Aufsehen erregende, homosexuelle Geschwisterduo Klaus&Klaus brachte den ausgestorbenen Beruf Eiermann in die Gedächtnisse der Menschheit zurück. Mit „Klingeling, hier kommt der Eiermann, kommt alle an die Eier ran“, versprachen sie einer ganzen Generation Befriedigung während der Arbeit. Viele tausend Heranwachsende kamen in die heimische Küche zu Vater und Mutter und sagten mit stolz geschwollener Brust: „Papa, ich will Eiermann werden!“ Der Vater: “Dafür arbeiten wir hart, damit du es einmal besser hast als ich…“ Auch heute noch kann man sich als Eiermann bewerben, nur raubt die Bofrost-Uniform sämtliche Eleganz des Berufes. Das funktionierte auch schon in den Achtzigern. Gebeutelt von Rezession und drohender Arbeitslosigkeit ließ sich die Jungend gehen und verwahrloste zusehends. Musiker griffen sich ans Herz und schrieben Lieder, die noch heute einen Bewerbungsboom in manchen Branchen erkennen lassen. „Sie ist ein Model und sie sieht gut aus…“ dachten sich auch tausende Mädchen, denn deren Mütter haben immer gesagt, sie wären hübsch, auch mit dieser Zahnspange. Die Mädchen missachteten die vielen Warnungen Kraftwerks und unterschrieben naiv und blindlings dubiose Verträge. Eine nach der Anderen wurde verheizt und missbraucht. Eine traurige Entwicklung, die in der „Null-Bock-Generation“ endete… Es dauerte allerdings nicht lange, da wurde wieder Hoffnung in Jugend und Kultur gesteckt. Die Ärzte sorgten Anfang der Neunziger für Überbeschäftigung im Wassersport- und Entertainmentbereich. Arbeiten war wieder angesagt. Zwar nicht im Althergesehenen Sinne wie Landwirt oder Kohlekumpel, sondern als Angestellter der Badeanstalt von nebenan. Paul wurde zum Idol, brach tausend Herzen und nicht wenige Familienkonflikte vom Zaun. Doch alle Eltern waren gegen Badespass und Frauenschau. Was jedoch der Titel „Paul, der Bademeister“ der Jugend vorenthielt, war die Tatsache, dass Bademeister im Winter arbeitslos sind. Kein Kind dachte an die schrecklich kalten Winter, in denen selbst das Geld für Kohle fehlte. Wenig später korrigierten sich die Ärzte und feierten Astronauten, die lustig in ihrer Rakete sitzen. Klingt ebenso entspannt, ist aber saisonunabhängig. Den traurigen Höhepunkt dieses einzigartigen Genres der angewandten, berufbeschreibenden Musik markierte die Punkband „Kassierer“. Ihr Song „Sex mit dem Sozialarbeiter“ besiegelte das vorläufige Ende einer wegweisenden Ära. Ihre Musik richtete sich gegen anständige Arbeit und unterstützt Kriminalität und Gewalt. Bleibt zu hoffen, dass bald ein ganz Großer uns, der Jugend, wieder einen Hinweis gibt, wo arbeiten tatsächlich noch Sinn macht. Solange bleiben wir Studenten oder Arbeitslos! In diesem Sinne, eine ausgesprochen angenehme Woche wünscht, der Pädagoge Dr. Imp. Und das beschäftigungslose Schattenkabinett Vorheriger BeitragEin bisschen Eva, ein bisschen Immergut, ein bisschen Casting - Komm schon, Make my day! Nächster Beitrag: Der verdammte Teppich... |
