Kategorie: "Zeit zum Abhaken"
Geschrieben von Imperator   
Mittwoch, 26. Oktober 2005
Vor ungefähr einem Jahr begann ich mein Praktikum. Jetzt, wo ich genügend Abstand zu dieser Zeit habe, kann ich darüber sprechen. Ich hoffe, all jenen, die sich heute im Praktikum befinden, werden es besser haben als ich…

Ich saß in meinem Büro und schlürfte Kaffee. Es wurde mir im Rahmen eines Praktikums zur Verfügung gestellt. Ein Semesterpraktikum, wie es in Studiengängen an Fachhochschulen und Universitäten üblich ist. Und da saß ich nun, in einem Hochhaus, weit ab vom Bankenviertel und Flaniermeile.
Nach flanieren war mir zu der Zeit häufiger, man glaubt es kaum, das stundenlange Rumsitzen ohne Kontakt zu Kollegen, abgeschottet in 16m² Trostlosigkeit kann zu solchen Gefühlen treiben. Bei den 16m² bin ich mir übrigens sicher. In einer freien Minute hatte ich das Büro mit einem 3-Meter Normkabel vermessen.
Man hatte damals, als meine Bewerbung eingegangen und nach einem Gespräch bestätigt wurde, nach einem geeigneten Arbeitsplatz gesucht. Den hatte man zwar pünktlich zum Praktikumsbeginn gefunden und besenrein übergeben, aber anscheinend vergessen, eben diesen wieder mit Gegenständen und somit Leben zu füllen. Und so wunderte ich mich kaum, als eine Kollegin sich das Lachen nur schwerlich verkneifen konnte, als sie bemerkte, dass es in meinem Büro gleich einer Grotte schallte.


Einige Zeit zuvor konnte ich wenigsten meine Jacke an einen dafür vorgesehenen Garderobenständer hängen, aber den hatten sie mir unter fadenscheinigen Gründen genommen, diese Handwerker, die auch schon der Meinung waren den Luxusschreibtisch in eine höhere, bessere Etage zu verschleppen und mir stattdessen einen abgegriffenen DDR-Tisch ins Büro zu werfen. So tröstete mich nur die sonnenreiche Fensteraussicht über eines der größten und bedeutungsvollsten Industriegebiete unseres Bundeslandes.

Das ich so einsam und verlassen meiner Arbeit nachgehen konnte, verdankte ich meinem Chef. Der hatte sich an meinem ersten Arbeitstag genügend Zeit genommen, sämtliche Klinken des Bürohauses zu putzen und die neue Fachkraft, also mich, den restlichen 100 Mitarbeitern vorzustellen. Eigentlich ein edler Wesenszug von ihm, hätte er nicht in jedem Büro meine wichtige Aufgabe besonders deutlich unterstrichen und die Kollegen darauf hingewiesen, mir bitte in den nächsten Stunden sämtliche Information in zweifacher Ausführung zukommen zu lassen. So entstand der Eindruck, der neue, poplige Praktikant bestreitet ein überlebenswichtiges Projekt und bezieht nur deshalb ein Büro im ersten Stock, weil in der höchsten Etage ein Vorstandsmitglied noch nicht gestorben war.
Wie dem auch sei, beim dritten Büro hatte ich bereits die Namen der anwesenden Damen mir nicht mehr einprägen können. Und erst 2 Monate später traf der letzte Ausdruck bei mir ein, da die Kollegen nicht wussten, wo sich mein Büro befand. Man hatte nämlich vergessen, ein Türschild anzubringen und als ich auf den Missstand aufmerksam machte, klebte nach der Mittagspause ein in Handschrift verfasster Zettel mit dem Wort „Praktikant“ an meiner Tür.
Und als mir klar wurde, dass mich hier niemand mit Namen kennt, kein Mensch (ausgenommen mein Chef) den Umfang und den Sinn meines Projektes verstand und aus den beiden genannten Gründen niemand einen zwingenden Grund hätte, mich in meinem Büro aufzusuchen, verlegte ich das Rauchen von draußen nach drinnen.

Ich hatte also einen alles andere als guten Start in dieses Praktikum. Und so gingen die Tage und Wochen ins Land, ohne das ich ein Gespräch führen musste, war niemanden Rechenschaft schuldig und hatte auch sonst wenig zur allgemeinen Geschäftslage beigetragen.

Die Tage wurden kürzer und das Wetter kälter, da entschied man sich, eine Auszubildende in mein Büro zu verlegen. Es bot sich wohl an, mein bescheidenes Zimmer zu nehmen, da auch sie nicht gerade reich mit Aufmerksamkeit beschenkt wurde. Deswegen und natürlich wegen dem bestechenden Argument, mich nicht fragen zu können, da ich mich ja schließlich zur Zeit der Entscheidung im Kurzurlaub befand.
Als die Auszubildende mein Büro betrat, war klar, die rosigen Tagen waren gezählt. Ich werde nie wieder Freunde einladen können um mit ihnen Kaffee und Kekse zu genießen, weil einfach die Atemluft fehlen würde. Die junge Dame, höchstens 19 Jahre jung, hatte entsetzliches Übergewicht. Und damit nicht genug, sie hatte Pickel, ungepflegtes Haar und die fürchterliche Angewohnheit, tiefe Seufzer in den unpassendsten Momenten auszustoßen. Keine Privatgespräche am Diensttelefon, da sie mich sicher verpetzen würde, keine Musik, kein ausgiebiges Zeitungslesen mehr und die Beine konnten auch nicht mehr auf den Tisch. Das Rauchen wurde wieder von drinnen nach draußen verlegt. Nicht weil sie den Rauch nicht vertragen hätte, nein, sie rauchte ja auch, der Grund war nur der Wunsch nach frischer Luft und einigen Augenblick für mich allein. Die hatte ich zwar in den ersten Monaten zur Genüge, aber eine solche Gesellschaft entsprach nicht meinem Wunsch.
Es lagen noch harte Wochen vor mir.

Als sich das Praktikum dem Ende näherte, fiel es dem Abteilungsleiter wie Schuppen von den Augen. „Da war doch noch was, ach ja, der Praktikant, was treibt der eigentlich?“
„Der... der sitzt unten und arbeitet an seinem Projekt,  glaube ich“ wird wohl die nette Vorzimmerdame gemutmaßt haben. Und so entstand in den letzten Wochen doch noch ein Hauch von Hektik. Der Abteilungsleiter platzte in mein Büro, war sichtlich erschrocken, da er sich wohl in der Tür irrte und die Sachbearbeiterin Kuhn erwartete, sich allerdings schnell fing und in aller bester Chefmanier sich nach dem Stand der Dinge erkundigte.
Ich gab ihm die gewünschten Informationen; er war scheinbar beeindruckt und wir einigten uns darauf, dass der Sachverhalt in Ruhe geklärt werden müsse. Wir trafen uns, diskutierten und berieten gemeinsam und kamen zu der Erkenntnis, dass dieses Treffen ca. 3 Monate zu spät zu Stande kam.
Man hatte einfach die Zeit verbummelt und bat mich, noch einmal 2 Wochen anzuhängen um zumindest dieses Projekt zum Ende zu bringen. Ein weiterer Termin zur Mitarbeitereinweisung, selbstredend gegen Extrabezahlung und natürlich eine feierliche Verabschiedung im Anschluss war der vernünftige Konsens.
Man bemühte sich nun.

Nach 24 Wochen verließ ich das Gebäude. Ich war wieder ein freier Mann. Ein Mann,  mit einem Scheck in der Tasche und der Gewissheit, nie wieder in diesem Unternehmen ein Büro zu beziehen...
Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 22. November 2005 )