PM-Archiv: Demokratie in der Stralsunder Provinz
Geschrieben von Imperator   
Montag, 13. Oktober 2003

Viel liest man in den vergangen Tagen über Deutschland. Viel Schlechtes, siehe Haushaltsdefizit und die Eichel-Debatte, aber auch Gutes. So gewann die Damen-Elf unserer Nation die Fußballweltmeisterschaft und gleich entflammen heiße Diskussionen über übertriebene Emanzipation und Östrogenhandel. Sollen Frauen aus Deutschland wieder weiblicher werden?
Ich weiß es nicht und möchte an dieser Stelle nur auf die Vorzeigerennfahrerin Michaela S. verweisen. Zuviele Hormone prägten ihr männliches Kinn, unter dem sie trotz des Erfolges schwer zu leiden hat.
Aber auch andere Deutsche haben gewinnen können. Die Ballack'sche Nationalmannschaft fährt zur EM und die Deutsche Delegation im Fechten gewann Bronze in Havanna (Kuba). Und so ist die Nation im Freudentaumel und kehrt nur unweigerlich zum Alltag zurück.
Außer in Stralsund. Völlig unbeeindruckt der Ereignisse marschiert die StuPa-Auswahl in die Vorlesungs-Säle und macht kompromisslose Propaganda für ein Semester-ÖPNV-Ticket, wie es in allen anderen Städten dieser Welt Gang und Gebe ist. "Rückstand durch Fortschritt" - eine Erfolgsgeschichte der Stralsunder Studentenschaft und verkauft geschickt diese Idee als ihrige.
Es gilt einen Zettel auszufüllen und damit die Bereitschaft zu erklären, ein solches Ticket im Falle der Einführung auch tatsächlich zu nutzen.
Ein wunder Punkt bei meinem Mitbewohner und mir. Als wir dieses Studium antraten sind wir noch zu Fuß zur FH gelaufen, doch schlich sich der Schlendrian ein und ließ uns stets mit dem Auto fahren. Aber wir sind offen für alles. Und so stand auf dem Zettel, ob wir ein solches Ticket nutzen würden? Ein gepflegtes Kreuz auf der "Nein" Seite drängte sich mir auf, als ich kurz über die Nahverkehrssituation in Stralsund nachdachte.
Die Busse hierzulande verkehren äußerst selten und nur solange die Sonne scheint. Und deshalb bietet es sich nicht an, einen höheren Semesterbeitrag zu löhnen, von dem ohnehin nur die Goldenen Wasserhähne des Studentenparlaments finanziert werden. Dieses "Nein" war also mehr als gerechtfertigt. Auch wenn ich mich als typisch konservativen Staatsbürger oute.
Sei es drum.
Eine weitere Frage beschäftigte sich mit der nahesten Bus-Haltestelle. Ich könnte sie sehen von meinem Fenster aus, doch habe ich nie auf den Fahrplan geschaut und nie einen Gedanken daran verschwendet, dort einmal einzusteigen. Nie möchte ich neben einem Stralsunder Werftarbeiter im Bus sitzen und mir Kleinbürgerliche Probleme anhören. Das klingt zwar arrogant, doch liegt es vielmehr an der tiefen Abneigung zu dieser Stadt. In Rostock könnte sich daraus ein Hobby entwickeln, aber hier ist das nicht möglich. Nicht in Stralsund. Der Stadt der Gescheiterten.

Auch die Gesellschaftliche Ablehnung der Einwohner gegenüber Studenten lässt mich am Erfolg dieser Mission zweifeln. So hat man das Gefühl, sich ständig rechtfertigen zum müssen, warum man nicht arbeiten geht und wie alle anderen Jugendlichen dieser Stadt arbeitslos an der Ecke steht und trinkt. Warum können sich Studenten Autos leisten und lange schlafen?
Neid, der schon vor 60 Jahren zur Katastrophe führte. Und diese Stadt denkt ernsthaft über eine Einführung eines Semestertickets nach?
Wahrscheinlich deshalb, dass wir in Zukunft auch im Bus erkannt werden und uns unangenehmen Fragen stellen müssen…
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit und versucht, den neuen Studenten einen besseres Gefühl zu geben!