Biwak - Grillen im Freien
Geschrieben von Imperator   
Freitag, 17. August 2007

Jetzt wo unser Vaterland die Interessen am Hindukusch vertritt und durch vermehrte Geiseldramen die Afghanistankrise zunehmend in den Fokus der Öffentlichkeit rückt, begann auch ich, mich an die alten Zeiten bei der Bundeswehr zu erinnern. Dass viele Männer unbezahlbare Alkoholerfahrungen während ihres Dienstes machen, ist hinlänglich bekannt, doch bei der Bundeswehr gibt es weit mehr zu entdecken. Zum Beispiel die Grenzen der Belastbarkeit. Wie es sich für eine anständige Grundausbildung gehörte, habe auch ich ein mehrtägiges Biwak (frz. bivouac = Feldlager, Nachtlager) durchstanden. Meine Kameraden waren allesamt gespannt, welche Überraschungen ein paar Tage im Freien in einer feuchten Novemberwoche auf uns lauerten.

Ein ungewöhnlich weiser Leutnant sagte uns am ersten Tag der Wehrdienstes: „Vergesst alles, was ihr über die Grundausbildung gehört habt – macht einfach eure eigenen Erfahrungen“

Nun gut, auf geht’s, Erfahrungen machen!

Die Abmarschbereitschaft war hergestellt, die Truppe in effektive Kampfeinheiten aufgeteilt. Meine Gruppe wäre für Demographen sehr interessant, da sie einen gesunden Querschnitt der Gesellschaft darstellte. Mit einem gelernten Fliesenleger, einem Koch, mehreren Bauarbeitern und zwei Abiturienten konnten alle Themenbereiche abgedeckt werden. Am Anfang dachte ich, dass die Rollen klar verteilt sind. Der Koch übernimmt die Verpflegung, die Handwerker kümmern sich um die Unterkunft und die Abiturienten lesen ein Buch, zur Not auch laut vor.
So hätte es sicher jeder halbwegs geeignete Gruppenführer getan. Doch unser Gruppenführer hatte andere Ansichten. Er war in erster Linie dumm. Und in zweiter bis ins Mark dem Militärdienst verfallen. Zwei Eigenschaften, die einzeln schon gefährlich sein können, aber zusammen grob fahrlässig sind. Den Grund, warum er seit mehreren Jahren beim Unteroffiziersgrad hängen geblieben war, blieb er uns bis heute schuldig, aber man kann wohl davon ausgehen, dass seine mangelnde Intelligenz nicht ganz unbeteiligt an dem Beförderungsstau war. Solche Charaktere gibt es bei der Bundeswehr viele und diese sind fast immer die Vorgesetzten.
Demzufolge ist es für einige Menschen schwierig, äußerst fragwürdige Befehle entgegen der Vernunft auszuführen. Besonders dann, wenn der Befehlsgeber nach der 8. Klasse die Schule mit den Worten „wozu lesen können, ick geh eh zum Bund“ verlassen hat und der Befehlsempfänger nicht nur fünf Jahre älter sondern auch fünf Jahre klüger ist. Daraus ergaben sich sehr häufig spannende Situationen für angehende Psychologie- und Soziologiestudenten.

Wie dem auch sei, unser Marsch in die Wildnis begann. In verheißungsvoller Vorfreude auf kilometerlanges Wandern haben wir uns mit Wasserflaschen und Brötchen eingedeckt. Das stellte sich als unnötig heraus, als wir nach ca. 15 Minuten Marschieren unser Einsatzziel erreichten. In Sichtweite zur Mannschaftskantine.

Unser Gruppenführer begann die Aufgaben zu verteilen. Zelte, Kampfstände, Feuerholz, Verpflegung. Mir wurden Planung und Bau einer Straßensperre anvertraut. Mit Spaten und Axt sollte genügend Baumaterial gesammelt werden, dass selbst schwere Fahrzeuge diese nicht durchbrechen können. Nun ja, die leise Anmerkung bitte nur kranke Bäume zu fällen, konnte angesichts dieser Leistungserwartung nicht eingehalten werden. Nach Stunden harter Arbeit war es vollbracht. Eine schrankenartige Straßensperre mit mehreren Schießscharten, voll getarnt und äußerst abschreckend konnte in den Dienst für das Vaterland gehen.
Die erste Bewährungsprobe ließ nicht lange auf sich warten. Ein Fahrzeug vom Amt für Stadtgrün näherte sich etwas verdutzt unserer Station – nach kurzem Wortgefecht war klar, niemand in diesem gewaltigen Stützpunkt hatte die Behörden von unserem Auftrag informiert. Der von mir mehrmalig geforderte Schießbefehl wurde abgelehnt. Die ABMler entfernten sich mit lautem Gefluche, wie sie denn unter derart widrigen Umständen ihrer Arbeit nachgehen sollten. Aber unserer Straßensperre hielt!


Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 16. Oktober 2007 )