Biwak - Grillen im Freien
Geschrieben von Imperator   
Freitag, 17. August 2007

Die Nacht brach herein, als die Wachdienste für unsere Kampfstände verteilt wurden. Vier Kampfstände, acht Soldaten. Der Gruppenführer rechnete lange, um herauszufinden, dass wir für unseren Auftrag unterbesetzt waren. Ein gesunder Menschenverstand hätte von vorn herein weniger Kampfstände geplant, aber angesichts der Befehlsgewalt des Gruppenführers wunderte das Mißmanagement niemanden. Die Lage verschärfte sich dramatisch, als ein Leutnant zu uns stieß und zwei unserer besten Männer zum Holzhacken und Ofenheizen abkommandierte. Man sah sie nie wieder.
Dass man im Krieg Verluste zu beklagen haben würde, war auch mir klar, aber unser Krieg hatte noch nicht einmal begonnen und wir konnten jetzt schon nicht mehr die Kampfbereitschaft sicherstellen.

Einige Zeit ging ins Land, als man sich darauf einigte, einen der Kampfstände zu schließen und die übrigen sechs Soldaten im Zweischichtsystem einzusetzen. Das bedeutete, eine Stunde Wachposten, eine Stunde schlafen. Ein mieser Kompromiss für die Soldaten, eine gefährliche Verteidigungslücken für den Militärstrategen. Die Stimmung drohte zu kippen.

Die Nacht wurde sehr kalt. Unser Gruppenführer beschloss aus Tarnungsgründen unser Feuer in einem Loch unterzubringen. Zusätzlich durfte lediglich Glut zu sehen sein, keine Flammen, sonst wäre die Sicherheit unseres Nestes gefährdet, so der Unteroffizier. Das hatte im Wesentlichen zwei folgenschwere Konsequenzen.

1. Ein Haufen Glut in einem Loch vergraben gibt keine Wärme und kein Licht
2. Die Rauchschwaden stiegen nicht weit genug auf, sodass wir in unserer Atmung stark eingeschränkt waren.
Kurzum, man hätte es sich auch klemmen können. Die Temperaturen sanken um die Tageswende gegen null. Bodenfrost im Kampfstand, absolute, ich meine wirklich absolute Dunkelheit, knurrender Magen und Schlaflosigkeit. Meine vier Probleme in diesen Nächten.

Durch die stündliche Wachablösung konnte kaum einer schlafen. Und da der gelernte Koch unser Zeltlager aufbaute, fanden statt der ursprünglich geplanten acht, nur zwei Soldaten darin Platz. Also wer zu spät vom Wachwechsel wiederkehrte, durfte sich an das „Feuer“ legen.
Mit derartigen Problemen kämpfte unserer Nachbargruppe nicht. Die hatten einen Unteroffizier mit Humor und Witz. Während wir in absoluter Dunkelheit, Kälte inklusive Gesprächsverbot (alles im Sinne der Tarnung) litten, fand ein paar Schritte weiter eine große Barbecue-Party statt. Es wurde laut gelacht, das meterhohe Feuer entwickelte soviel Hitze, dass die Kameraden im Unterhemd Toastbrot grillten und sich dreckige Witze erzählten. Fröstelnd und hungernd schauten wir rüber.

Tag 2:

Man erzählte sich, dass ein hungriger Soldat letzte Nacht das Lager verlassen und sich in der Mannschaftskantine eine knackige Bockwurst gegönnt hatte. Samt Waffe und Tarnuniform. Ein Eklat, denn schließlich waren wir mitten im Einsatz. Ich konnte es ihm nicht verübeln. Die Nähe zur Kaserne war sehr verlockend. Sie wurde auch für den täglichen Toilettengang genutzt. Mit einer Anmeldung beim „Scheißtrupp“ konnte man einmal am Tag zurück in die Kaserne und den Grundbedürfnissen nachgehen. Mit Krieg hatte das allerdings wenig zu tun. Im Krieg hätte man aber auch einen eindeutigen Auftrag, mit Schießbefehl und klar definiertem Feind. Und Feinde gab es im Wald vor der Kaserne nicht allzu viel. Im Grunde genommen waren es nur zwei. Einer von ihnen war in der Truppe unter Gott bekannt. Diesen Namen gab er sich selbst, als er vor versammelter Kompanie verlauten ließ: „Ick kann maachen, dat ihr aalle jleich ausseht! Wenn ick Gasangriff rufe, zieht ihr eure Overgamend und Gasschutzmasken an. Danach kann euch keiner mehr unterscheiden! Ich bin also Gott, wa.“ Als Atheist habe ich keinerlei Vorstellung, wie Gott ,wenn es ihn dann gebe, aussehen könnte, aber sicher niemand auf der Welt würde vermuten, dass Gott ein hoffnungslos übergewichtiger Mitt-Dreißiger ist und im widerlichen Brandenburger Akzent die Menschheit mit dummen Sprüchen besudelt.

Sein Kollege und zweiter Feind von ca. 800 Grundwehrdienstleistenden war der Gasmann. Sein Büro befand sich im Keller der Kaserne. Er war der Herr über unzählige Gasschutzmasken in allen Größen und Varianten. Als „Gott“ also Gasangriff rief, rannte die Truppe in den Keller zum Gasmann und bekam die Maske verpasst. Ich trug zu dem Zeitpunkt für Bundeswehrverhältnisse zu lange Haare und einen Kinnbart, der nur dann erlaubt ist, wenn man ihn am Tag des Einzugs bereits trug. Ich war einer der Glücklichen, die mit Bart den gesamten Wehrdienst ableisten konnte. Und so stand ich vor dem Gasmann und er drückte mir sehr grob die Gasmaske in mein Gesicht, brüllte seinen Handlanger an: „Nochma Größe 6“ und sagte dann zu mir: „Mit der Matte überlebst du den Krieg aber nicht! Mit dem schwulen Bart sowieso nicht, NÄCHSTER!“.

Meine Kriegsfeinde beim Biwak waren mir also bekannt und mehrfach unangenehm aufgefallen.



Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 16. Oktober 2007 )