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Die zweite Nacht war noch kälter als die erste. Nach nunmehr 60 Stunden ohne Schlaf entwickelten sich die Wachdienste zur wahren Spaßnummer. Weniger durch gesellige Skatrunden sondern durch die teils blühende Fantasie meiner Kameraden. Der Gruppenführer entschied sich, die Einmannbesatzung der Kampfstände aufzugeben, da in der letzten Nacht die immens wichtige Tarnung durch lautes und beständiges Schnarchen mehrerer Kameraden zunichte gemacht wurde. Die logische Konsequenz des Gruppenführers hieß nun, dass man zu zweit in den Kampfstand entsendet wird, damit man nicht schlafen sondern durch gemütliches quatschen sich gegenseitig wach halten konnte. Prinzipiell eine gute Idee, dachte ich, denn diese einsamen Stunden in der Dunkelheit eines märkischen Waldes konnte ich wenig leiden. Schließlich legte man sich mitunter auch in allerlei Getier, was an einigen Körperstellen als äußerst unangenehm zu empfinden war.
Mein Kamerad für diese Nacht war Flieger Rattoff. Ein 19-Jähriger echter Landbursche aus Pommern, der in den vergangenen Wochen als gelernter Waldarbeiter und trinkfester Doppelkorn-Konsument von sich reden machte. Er war korrekt, lachte meistens übertrieben laut und übte jeden noch so sinnlosen Befehl der Vorgesetzten aus. Seine Strategie bei der Bundeswehr: „Befehl ist Befehl – ich stell’ keine Fragen.“
Flieger Rattoff jedenfalls war mein Begleiter durch die Nacht des Schreckens. Denn, und das wurde mittlerweile jedem im Wald klar, irgendwann muss es hier mal abgehen - das Biwak endet morgen und bisher hatte hier noch keiner einen echten Schuss abgegeben.
Am frühen Abend erstrahlte der Wald in tausend Farben. Irgendwer feuerte Signalmunition in den Himmel, weiß, rot, gelb – jede Farbe hat ihre Bedeutung, die Flieger Rattoff und ich leider nicht mehr eindeutig zuordnen konnten. Rattoff vermutete gasähnlichen, ich einen atomaren Schlag. Mein berechtigter Einwurf, dass hier im Wald, am Arsch der Welt uns niemand sehen konnte und jetzt mit Atemschutzmaske herumzulaufen nicht nur unsinnig, sondern unsere drohende Niederlage gegen Gott und Gasmann ohnehin nicht aufzuhalten war, überzeugte Rattoff und so lagen wir regungslos im Kampfstand und bestaunten die beeindruckende Szenerie.
Nach einer Stunde Lichtshow wurde es dunkel und ruhig. Die Augen hatten sich noch nicht an die Finsternis gewöhnt, schallten die ersten Schüsse durch den Wald. Weit entfernt, so schien mir und immer nach dem gleichen Schema. Erst schießt einer, dann der ganze Wald. Ein unheimliches Gefühl machte sich breit. Wer gab den ersten Schuss ab? Der Feind etwa - und der Wald antwortete oder ein nervöser Gefreiter, der es rascheln hörte und die Kameraden lassen sich anstecken und feuerten wahllos in der Gegend rum.
Sicher war, dass aufgrund der massiven Unterzahl des Feindes (2 zu 800) ein Angriff immer nur auf einer Seite des Waldes im Gange sein konnte. Das hieß, wenn es weit entfernt knallt, müsste der Feind auch dort in der Nähe rumlungern. Diese Theorie veranlasste mich, etwas gelassener die Kriegsatmosphäre aufzunehmen und einige Minuten der Entspannung zu suchen. Flieger Rattoff hingegen sah das anders und blieb so weit es ging aufmerksam.
Nun hat die Finsternis den Nachteil, dass man zwar die Augen offen hat, aber nicht das Geringste sieht. Das Gehirn kann die Informationen des Nichts nur fehlerhaft verarbeiten und schaltet automatischen eine Art Bildschirmschoner ein. Dieser bildet irgendwelche Flecken im Sichtfeld und wenn man sich darauf konzentriert, kann man auch Formen und Figuren erkennen.
Während ich eingeschlafen war, entfaltete dieser Bildschirmschoner bei Flieger Rattoff seine ganze Wirkung. Er weckte mich und flüsterte aufgeregt, „Florian, wach mal auf, ich glaube ich seh’ was!?“
Ich bemerkte erst jetzt, dass es im Wald ruhig geworden war.
„Wo denn?“ sagte ich wohl etwas zu laut,
„Psst!!! Na da hinten. Schau mal und sag mir was du siehst.“
Ich richtete mich auf, denn die Stelle, die er meinte, war in der entgegen gesetzten Richtung unserer Kampflinie. Also hinter uns.
„Wieso soll denn da einer kommen, da ist doch unser Nest?“, fragte ich verwundert. „Was siehst du denn nun?“ sagte Rattoff. Ich starrte in die Richtung ohne auch nur irgendetwas zu entdecken. Aber da er eigentlich ein zuverlässiger, mit beiden Beinen auf dem Boden stehender und vor allem walderfahrender Mann war, ließ ich mir Zeit, um seinem Verdacht nachzugehen.
„Ne, Junge, da ist nichts, aber sicher bin ich mir nicht.“, sagte ich.
„Ehrlich, man, ich könnte schwören da ist was!“, sagte Rattoff.
„Was denn? Außerdem wenn da was sein sollte, sind das Kameraden, schließlich ist da unser Nest!“
Kurze Stille, doch Rattoff ließ nicht nach:
„Man, weißt du was ich da sehe? Ein weißen Ford Fiesta Kombi und...“ er zögerte etwas, als ob er die ohnehin unerträglich knisternde Spannung noch steigern wollte „... und eine türkische Großfamilie. Mit ner Mutter, die ihr Kind auf dem Arm trägt.“
Seine Stimme klang zum Ende hin verunsichert, ich vermutete, er realisierte erst jetzt, als er es laut ausgesprochen hatte, dass trotz dieser detailgetreuen Beschreibung die Wahrscheinlichkeit, an einem Mittwoch im November, gegen 22Uhr auf einem großräumig abgesperrten Militärgelände trotz Leuchtmunition und Gewehrfeuer eine türkische Großfamilie aus Berlin-Moabit mit Kind und Kegel zum Picknick anreiste, als ziemlich niedrig einzustufen war. Ziemlich unwahrscheinlich, dachte ich und versuchte ihn zu beruhigen: „Das glaubst du doch nicht wirklich.“ Ich ließ eine Kunstpause „Was sollten die denn hier suchen? Ehrlich mal, außerdem gibt’s keinen Ford Fiesta in der Kombiversion“, führte ich als K.O.-Kriterium mit an. „Man, dann eben ein scheiß Escort, kack egal, ich seh’ da was, geh doch mal hin und schau nach, ich halt hier die Stellung!“
Ich überlegte einen kurzen Moment, ging in die niedrigste Gangart über und fluchte vor mir hin. Nach einigen Metern hielt ich an und schaute nochmals, manchmal reichen schon 4 Meter, dann sieht man gleich das doppelte, dachte ich und riss die Augen so weit es ging auf. Nichts, absolut nichts, nur das Dunkel und dumpfe Schussgeräusche aus dem Off. Ich kroch zurück.
„Und? Was ist das nun?“
“Rattoff, ich kann da nichts erkennen. Wirklich nicht. Aber pass auf, lange kann es bis zum nächsten Großangriff nicht mehr dauern und dann werden die sicher auch wieder Leuchtmuun (Fachbegriff) in den Himmel jagen und dann werden wir’s ja sehen, ob’s ein Fiesta oder Escort ist.“, sagte ich etwas hämisch und hoffte, er würde jetzt zur Besinnung kommen. Nach einiger Zeit sagte er:
„Aber was ist, wenn Gott oder Gasmann die Kampflinie irgendwo durchbrochen haben und die jetzt von hinten uns auflauern und wir kucken dumm in die andere Richtung. Da raschelt doch ständig was ... da hinten.“
Irgendwie kam mir seine neue Eingebung logisch vor, insbesondere dann, wenn man sich denkt, wer hier noch so im Wald rumliegt. Rattoff und ich gehörten hier schließlich mehr oder weniger zur Elite, andere hingegen waren zu dumm zum reden oder schnarchten die ganze Gegend wach. Da war es durchaus nachzuvollziehen, dass der Gasmann irgendwo eingedrungen war und nun das Feld von hinten aufzurollen begann.
Wir beschlossen, dass wir beide Seiten beobachten. Ein gesunder Kompromiss, wie ich fand.
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