Biwak - Grillen im Freien
Geschrieben von Imperator   
Freitag, 17. August 2007

Wenn viele Männer zusammen im Wald ihrem Hobby oder ihrer Staatspflicht nachgehen, bleiben Kompetenzgerangel, erfundene Kampfgeschichten und Rumposerei nicht aus. Das ist nun mal so, ein weiteres ungeschriebenes Gesetz der Menschheit. Und so ergossen sich kriegsstrategische Schauergeschichten mit wahnwitzigen und in ihrer Umsetzung unmöglichen Anweisungen, teils aus dem Militärhandbuch, teils aus Egoshootern geklauten Standardfloskeln des Unteroffiziers über die ermattete Truppe. Keiner konnte und wollte dem Schwachsinn unseres Gruppenführers etwas entgegenbringen. Alle saßen demütig, in Kampfeswille gebrochen um den Gluthaufen, versuchten diese Nacht, diese Eiseskälte und diesen gesamthaft betrachtet unwirklichen Moment im Wald zu verdrängen. Ich fragte mich, was ein 19-Jähriger hier eigentlich verloren hat? Ich muss niemanden etwas beweisen, ich hätte auch einfach verweigern können oder den sagenumwobenen Katastrophenschutz beim THW antreten können. Selbst meine Gedanken schienen wie eingefroren, anders konnte ich mir die lahmende Geschwindigkeit meiner Überlegungen nicht erklären.

In einer der seltenen Minuten, in denen der Unteroffizier nicht über seine Verteidigungsoptionen im Häuserkampf referierte, bemerkte er, dass ich am ganzen Körper zitterte.
„Ey, kein Wunder dass du frierst! Du hast zu viel an. Zieh einfach mal den ganzen Scheiß aus, also bis zur Feldbluse und dann wird dir gleich viel wärmer! Glaub’s mir, ich bin nicht zum ersten Mal auf Biwak!“
Nicht nur, dass mein Vertrauen zu ihm durch die vielen Fehlentscheidungen der letzten Tage stark erschüttert war, auch der Gedanke daran, hier ein paar Sachen abzulegen, erschien mir äußerst befremdlich.
„Wenn das Feuer wenigsten BRENNEN würde, dann vielleicht!“, sagte ich mit genervtem Unterton.
Es wurde jetzt sehr leise. Eine gefühlte Ewigkeit. Plötzlich flüsterte der Unteroffizier zu mir:
„Ich hab was gehört. Geh mal dahin und schau, ob da jemand ist!“
Er zeigte auf den kleinen astfreien Weg, von dem Rattoff und ich gekommen waren. Jetzt bloß nichts erwidern, einfach machen, dachte ich, mit dieser Taktik war Rattoff schließlich auch gut gefahren und der liegt jetzt im Zweimannzelt und schläft.

Ich stand auf und begab mich zum Ausgang unseres Nestes. Da ich die letzte halbe Stunde unentwegt in die Glut unseres Feuers starrte, konnte ich dort angekommen, überhaupt nichts sehen. Ich blieb ein paar Sekunden an der Stelle stehen, nur um den Unteroffizier zu beruhigen und drehte dann um.
„Is nix, jedenfalls seh...“ ich unterbrach, denn wie aus dem Nichts fühlte ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter. Panisch drehte ich mich um und rammte aus Versehen jemanden mit dem Ellenbogen in die Rippen. Ein stumpfes ‚argh’ erklang, doch die Hand auf meiner Schulter ließ nicht los. Als ich nun langsam dem Arm entlang hinauf in die Region des Gesichtes des Mannes schaute, dem die Hand gehörte, schimmerte das Konterfei von Feldwebel Gott. In diesem faden Licht erinnerte mich dieses Bild an die Schlüsselszene aus Apocalypse Now, doch noch ehe ich weiterdenken konnte, drängelte mich der übergewichtige Feldwebel beiseite, vergoss rote Farbe in unserem Nest und während er mit den Füßen Sand in unser Glutloch schob, sagte er in die Runde: „Ihr seid alle tot!“ und verschwand wieder im Dunkel.

„Hab ich nicht gesagt, du sollst nachschauen, ob da jemand ist! Toll gemacht, jetzt sind wir tot und das Feuer ist auch noch aus.“
Er schaute in die Runde.
„Da könnt ihr euch alle beim Flieger L. bedanken!“
Ein schöner Satz, dachte ich, wer hätte gedacht, dass in dem Geiste vom Unteroffizier derart lyrische Gedanken rumspuken. Eben noch von Feldwebel Gott gekillt, schon spricht er über das ausgepustete Lebenslicht, dass wir alle jetzt tot sind und es ziemlich zügig kalt werden würde. Das einzige, was nicht in diese Situation passte, war das leise Schnarchen von Rattoff, der von dieser Aufregung nichts mitbekommen hatte. Das war schon alles sehr grotesk, wie ich fand.

Einige Zeit nach dem wir das Zeitliche gesegnet hatten und wir noch immer um das erloschene Feuer saßen, stiefelte ein ranghoher Offizier mit Taschenlampe in unser Nest und sagte unserem Gruppenführer, dass er sich bitte im Hauptquartier zu melden habe und dass die Übung in 2 Stunden vorbei sein würde.
Der Morgen graute bereits als wir uns ein letztes Mal in die Kampfstände begeben mussten. Unser Gruppenführer hat sich wohl vor versammelter Offiziersgemeinschaft über zu wenig Action in dem von uns bewachten Abschnitt des Waldes beklagt. Es hatte ja noch keiner aus unserer Gruppe einen Schuss abgegeben und das klang in den kriegsverliebten Ohren des Gruppenführers nicht nach Biwak. Und so handelte er aus, dass in den frühen Morgenstunden nochmals der Feind vorbeischaut und die Soldaten ausdrücklich den uneingeschränkten Schießbefehl erhalten würden.
Es schien, als ob unser Gruppenführer Dank und Anerkennung für seine diplomatische Leistung erwartete, als er uns die Übungsmunition Packenweise austeilte und uns den Hinweis auf den Weg gab, doch mit dem Geballer nicht zu geizig umzugehen. Es wäre noch genug da, merkte er stolz an. Das aber keiner der Anwesenden - mittlerweile waren die beiden abhanden gekommenen Soldaten vom Heizen zurückgekehrt, sichtlich ausgeschlafen und heiterer Stimmung - keine Lust auf weiteren Krieg hatten, war dem Unteroffizier wohl nicht aufgefallen.
Und so lagen wir wieder da, wo alles angefangen hatte, in einem Erdloch, wartend auf den Feind. Dieser ließ auch nicht lange auf sich warten und raste mit einem LKW durch den Wald und schoss wahllos mit dem montierten Gewehr in der Gegend rum.
Die Rekruten schossen zurück. Eine schwachsinnige Aktion, denn jeder hier hatte nur Platzpatronen und zielen musste man auch nicht.
Rattoff jedenfalls amüsierte sich, brüllte, während er ein neues Magazin einlegte, aufgeregt zu mir herüber,
„Na endlich schießen! Das macht wenigstens Spaß, haaaaa Ihr Schweine“ und feuerte irgendwo hin.
Auch ich wollte nun endlich mal feuern und stellte so den Hebel am Gewehr auf F, F wie Frieden sagte mal ein Unteroffizier zu uns, dabei stand das F eigentlich für Feuerstoß, also dutzende Kugeln pro Sekunde.
Das hatte mit Frieden wenig zu tun, war aber in diesem Moment auch egal.
Also F – Frieden - Feuer und drückte auf den Abzugshebel. Doch anstatt dem Rattern kam nichts.
Ladehemmung.
Nun ist’s auch egal, dachte ich und schob meine Munition zu Rattoff rüber, der wenigstens damit etwas anfangen konnte.


Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 16. Oktober 2007 )