| Biwak - Grillen im Freien |
| Geschrieben von Imperator | |
| Freitag, 17. August 2007 | |
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Es hatte eine Weile gedauert, bis die Munition aller Rekruten verbraucht war. Als der letzte Schuss durch den Wald schallte, war es bereits um 8 Uhr morgens. Der Gruppenführer holte uns in das Nest zurück und befahl, die Abmarschbereitschaft herzustellen. Sämtliche Zelte wurden verpackt, alle Kampfstände mussten zugeschüttet werden, damit der nächste Jahrgang von Grundwehrdienstleistenden ebenfalls in den Genuss kommen würde, tiefe Löcher in den gefrorenen Waldboden buddeln zu müssen. Nach zwei oder drei Stunden Aufräumen begann der Unteroffizier die Bestandslisten durchzugehen. Drei Tage nach dem Gefecht durften natürlich keine Gegenstände fehlen. 12 Gewehre, 6 Zelte, 3 Äxte, 2 Splitterschutzwesten und 5 Feldspaten.
In der Kaserne: Nach der letzten Pflicht des Tages, dem korrekten Reinigen des Körpers*, was im Übrigen noch hinter der stundenlangen Reinigung der Gewehre kam, entließ man uns in den verdienten Feierabend. Wohl wissend, dass die Müdigkeit kein Bier vertrug, tranken wir noch eins auf unser Überleben und ruhten anschließend 12 Stunden am Stück. Die Strapazen des Biwak noch lange nicht verdaut, begann einer der letzten Tage meiner Grundausbildung. Ich war mir sicher, und das erzählte man sich ohnehin ständig, dass nach der Grundausbildung endlich das lockere Leben der Luftwaffe auf uns wartete. Immer wieder hörte man den Spruch: „bei der Bundeswehr sitzen alle in einem Boot: das Heer rudert, die Marine steuert und die Luftwaffe fährt Wasserski.“ Also hoffte jeder das Beste, nämlich dass das Schwerste schon vorbei war. Und so trödelten wir durch den Tag, mit dem Ziel, am Abend, kurz vor unserer Abreise in die Stammeinheiten unseren Auszug gebührend zu feiern. Schnell war man sich einig, wer das Bier, wer den Grill und wer die harten Sachen zu kaufen hatte. Am Abend dann trafen sich die meisten meiner Biwakgruppe zum Saufen. Als die Einkaufsliste berechnet wurde, wollte niemand wie ein Schulkind dastehen und legte auf das gewöhnliche Disco-Bier-Pensum noch einmal 2 Bier drauf. „Ick trink mindestens 6, aber bring mal lieber zur Sicherheit 8 mit“ hieß es noch am Nachmittag. Noch bevor irgendeiner die harten Sachen geschweige denn das dritte Bier angerührt hatte, tanzten man auf den Tischen der 6-Mann-Raucherstube, die zu diesem Zeitpunkt randvoll mit stinkenden und besoffenen Grundwehrdienstleistenden jeder Gesellschaftsschicht war.
Flieger Räckel, ein 2 Meter 19 Mann aus der ersten Rotte, eine Berliner Schnauze mit leicht spastischen Zügen erzählte gerade seine Erlebnisse bei einem Pornocasting in Berlin-Wedding, als er plötzlich unter- und aus dem geöffneten Fenster heraus brach. Ausgerechnet Flieger Räckel, dem jeder zutraute einen Kasten Bier ohne größere Vorkommnisse zu vertragen, machte den Anfang einer mir bis dahin unbekannte Dimension von kotzenden Menschen. Im Laufe des Abends übergaben sie sich alle, selbst mein Kumpel aus dem Wald, Flieger Rattoff dem ich das niemals zugetraut hätte. Die Anstrengung des Biwaks waren noch lange nicht verdaut, anderes konnte ich mir das nicht erklären. Als ich im Bett lag, drehte sich es sich zwar gehörig, doch übergeben musste ich mich nicht. Ich habe an diesem Abend 3 Bier getrunken. Drei. Das ist normalerweise nichts! Flieger Räckels unerwarteter Bruch aus dem Fenster hatte nächsten Morgen schwere Folgen. Da unsere Gruppe im obersten der vier Stockwerke des Plattenbaus untergebracht war, ergoss sich unser Alkoholexzess über die gesamte Kompanie, einschließlich des Bürofensters vom Leutnant, der erwartungsgemäß wenig verständnisvoll die Truppe am nächsten Morgen begrüßte. Er war ohnehin humorlos. Beinahe jeden Morgen beim Antreten hatte ich es am eigenen Leib spüren müssen. Jeden Morgen ließ er die Truppe antreten und ausrichten. 80cm zum Vordermann, eine Armlänge zum rechten Nachbarn. Ich als Großgewachsener war in der ersten Rotte, dritte Reihe, gleich hinter den Giganten Räckel und Pohlmann. Eine gute Position. So konnte ich mich am Morgen hinter den beiden verstecken und an besonders kalten Tagen das Privileg ausnutzen, mit Händen in den Taschen das Gedudel des Leutnants nicht folgen zu müssen. Diese Position hatte aber auch einen gravierenden Nachteil. Ich hatte keinen rechten Nachbarn, was bedeutete, wenn der Leutnant „Richt Euch“ brüllte, brauchte ich nicht nach rechts zu schauen, ich war der letzte Mann - der Mann, nachdem sich jeder zu richten hatte.
Doch an diesem Morgen, am Tag nach dem Alkoholexzess war das nicht so. Der Leutnant ließ nicht die Truppe ausrichten sondern begann gleich mit der Sanktionsvergabe. Erst Reinigung, dann Bundeswehrfasching und zum Abschluss ein ausgedehnter Waldlauf mit Überraschungen. Jeder wusste, dass das nichts Lustiges war.
Die Zeit während und nach dem Biwak erstreckte sich lediglich über eine Woche. Eine Woche mit mehr Tiefen als Höhen aber auch wichtigen Erkenntnissen, die mir sonst in dieser Reinform ohne Wehrpflicht verborgen geblieben wären. Allerdings bin ich in dieser Woche auch um mehrere Jahre gealtert. Ein hoher Preis also, den man für ein paar Tage im Freuen zahlt. Ihr Dipl-Imp. * Weitere schwachsinnige Anweisungen aus dem Handbuch eines Soldaten hier
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