Die Blinddates of Doom
Geschrieben von Jule   
Mittwoch, 28. Februar 2007

Wie also erging es unserer wackeren Heldin, auf ihrer vernetzten Suche nach dem perfekten Indiekumpel?

1.Date

Verschoben

2.Date

Da steh ich also in dem Unigebäude, wie immer zu früh, damit es auch ja unangenehm ist, wann immer jemand reinkommt, bei dem ich vermute, das wäre jetzt Jonathan. Als dann ein junger Mann den Eingangsbereich betritt, der im besten Fall in Fernsehkrimis für den leicht unangenehmen Spanner gecastet wird, der aber doch nicht den Mord begangen hat, läuft es mir kurzerhand kalt den Rücken herunter und mit trockenem Mund frage ich, ob er auf jemanden wartet, was er dann zum Glück verneint. Danach erzählt er noch einige Minuten weiter, das entzieht sich jedoch meiner Aufmerksamkeit, da ich erst einmal eine mentale Polka tanzen muss.

Jonathan ist dann auch kein Fall für den Wanderzirkus und sogar ein Indietyp, was ich an den gammeligen Turnschuhen erkenne(universelles Indiegeheimzeichen). Sein doch sehr "britisches" Aussehen lässt mich gleich überlegen, ob ich nicht ein Foto von ihm machen sollte, um es meiner Mutter zu schicken und zu behaupten, das sei mein neuer Freund. Ein Heidenspaß, da meine Mutter eine nicht zu erklärende Phobie davor hat, dass ich mit einem Briten anbandele.

Nachdem wir uns dann übers Studium und über Musik unterhalten hatten, mal auf gebrochenem Deutsch, mal in perfektem Englisch (ach, nennt mich doch arrogant, aber ich hab’s nun mal drauf), beschließen wir einvernehmlich, dass das doch was werden könnte und verabreden uns für die nächste Woche. Na, der Hattrick läuft doch gut an.

Date 3

Wie von mir bereits erwähnt, war der gemeinsame O-Ton von mir und Bill, dass unsere Photos aber nicht mehr ganz aktuell wären und das ist auch i.O. so, niemand erwartet genau dasselbe Gesicht, wie auf dem verpixelten Ding, dass man per Mail geschickt bekommen hat, als erwachsener Mensch ist man eh auf alle möglichen Widrigkeiten gefasst. Allerdings hielt ich sein Kommentar, er sei mittlerweile "älter und etwas breiter um die Schultern herum" für eine harmlose Aussage, die mir lediglich sagen sollte, dass er nun ja, älter aussehen würde und vielleicht 5-8 Kilo schwerer .(Euphemismen kennen wir ja alle, wenn wir jemals ein schriftliches Zeugnis bekommen haben, oder die Wohnungsanzeigen durchgegangen sind) Allerdings rechnete ich nicht wirklich damit, dass das der König, ach was, der Kaiser der Euphemismen sein würde, oder habt ihr schon mal gesagt, dass ihr "etwas breiter um die Schultern geworden seid", wenn ihr 20 Kilo zugenommen habt?

Nachdem ich bereits seit 10 Minuten wie blöd vor dem Cafe stehend warte und schon nach dem Haufen lachender Jugendlicher suche, die sich einen Scherz erlaubt haben, kommt ein junger Mann auf mich zu, der nach allen Leuten dieser Welt aussieht, nur nicht nach dem Bill auf dem gemailten Photo. "Zweieiige Zwillinge, von denen der Eine (der auf dem Foto) nicht konnte?" überlege ich mir und verlasse dann kurzerhand die Traumwelt und schüttle die Hand mit "Big Bill", wie mein Kumpel ihn später taufen würde.

Bis dato dachte ich noch, man verschickt Photos, um einen etwaigen Stand der äußerlichen Attribute zu vermitteln, aber wenn es ein Photo gäbe, das ich nicht verschicken würde, dann das, was mich im Glanz meiner Jugend zeigt, einige Jahre, nachdem ebenjener sang- und klanglos abgetreten ist. Entschuldigung für diese grausame Oberflächlichkeit, aber ich kann mit 5-8 Kilo leben, bei 15-20 Kilo wird es dann aber schon kritisch und mal ehrlich, meine Herren der Schöpfung, wer nicht?

Sich mit Bill zu unterhalten ist dann ein geteiltes Erlebnis. Einerseits hat dieser Typ ein ungemein riesiges Musikwissen, kann zielsicher über gute Bands, Musikindustrie und all den Dingen um das Indiedasein reden und Verbindungen schaffen, so dass es interessant wie Sau ist, zu zuhören, wie es ist, als freischaffender Journalist zu arbeiten und wie er die Musikszene wahrnimmt. Andererseits prallen all meine erfrischend amüsanten Kommentare an ihm ab, wie Taktgefühl an Dieter Bohlen und dass er meinen Blicken ausweicht, als würde er mir gerade erzählen, er sei an dem Ozonloch schuld und diverse weitere nonverbale Signale abgibt, die klarmachen, dass er nicht das größte aller Egos hat, ist auch nicht unbedingt nach meiner Fasson (unglaublich aber wahr, mein Ego ist recht gut ausgebildet).

Kurz und Gut, für ernste Gespräche bei einer ernsten Tasse Kaffee, ist Bill wahrscheinlich genau der Richtige, aber für harmlosen Tanzspaß und zynisches Rumgeläster auf Konzerten wird er wahrscheinlich nicht meine Poleposition belegen.

Außerdem hat er mit heute etwas beigebracht: Hinter jedem Euphemismus steckt eine größere Lüge, als anfangs angenommen...oder so Ähnlich.

Date 4(nachgeholt)

Nach den ersten beiden Treffen war ich natürlich weitaus besser vorbereitet. Zum Einen hatte ich die brilliante Idee, dass wir uns nicht in einer belebten Einkaufsstraße treffen würden, wo ich, wie immer zu früh, jeden Vorbeigehenden prüfend mustern würde, was mir wohl im Verlauf einer Woche den Ruf als "seltsam" eingebracht haben könnte.

Außerdem ließ ich es diesmal sein, mich extra heraus zu putzen, die beiden Treffen hatten gezeigt, dass es verschwendete 5 Minuten vor dem Spiegel waren und sowohl Herzattacken, als auch tränenverschmiertes Make-up würden also diesmal zu hause bleiben.

Alistair selbst ist eine gigantische Bohnenstange mit Lederjacke und genügend Humor, um interessante Gespräche zu führen, allerdings nicht genügend Kleingeld, um sich einen Kaffee zu kaufen, da ihm sein Portemonnaie am Vorabend abhanden gekommen ist. Noch mal Glück gehabt, der Herr, dass das kein echtes Date ist, sonst müsste er wahrscheinlich sofort das Handtuch schmeißen, das ist dann wohl auch einer der wenigen nützlichen Aspekte einer platonischen Beziehung, man kann sich Geld leihen, ohne sich Jahre später deswegen scheiden lassen zu müssen.

Kurzum, das Gespräch mit Alistair lief super, die Chemie stimmte und auch wenn der blöde Arsch das Konzert der Blood Brothers besucht hatte, wofür ich keine Karte mehr kriegen konnte, war die Sympathie groß genug, um sich für experimentelles Kino a la "The Fountain" wieder zu treffen.

Und was haben wir daraus gelernt?

Mein Hattrick war wohl in dem Sinn ein Erfolg, dass mich keiner versetzt hat (naja, einmal, aber das wurde ja nachgeholt) und das keiner ein Perverser war (obwohl die Sache mit dem Foto...) und das ich mit allen ganz gut zurecht kam (wobei sich zwei seitdem nicht mehr gemeldet haben), aber Alistair ist echt ein netter Typ, cool und locker und das zeigt doch dass...ach, wem versuche ich hier eigentlich etwas vorzumachen, Internet-Blinddates sind schrecklich, zuviel Aufregung, zu große Enttäuschungen und gut, man lernt eins, zwei coole Leute kennen, aber wer will schon die Flut an seltsamen Freaks ertragen müssen, nur damit man ebenjene Ausnahmen kennen lernt? Genau, es ist fürn Arsch, es sei denn man ist in einer walisischen Hauptstadt gefangen, in der nur Erstsemester und Stiernacken/Kurzröcke rum springen und man verzweifelt auf der Suche nach Leuten ist, die nicht nur zu den Scissor Sisters und 50Cent abgehen um dann sich als Pimps and Whores zu verkleiden, weil sie es lustig finden, während ihre Kumpels sich mit einer Gruppe als Affen verkleideter Rugbyspieler prügeln....


Letzte Aktualisierung ( Mittwoch, 28. Februar 2007 )