Die Bratwurst, das Verbrechen und ich
Geschrieben von Imperator   
Montag, 21. Oktober 2002

Vor vielen, vielen Jahren stand ein junger Fußballfan des erfolgreichsten Fußballclubs im Osten im heimischen Stadion und verfolgte das langweilige Spiel. Er war nicht alleine da. Er hatte, wie die meisten in seinem Alter, einen Kumpel, mit dem er regelmäßig zu solchen Veranstaltungen geht. Es war ein bitterkalter Wintersamstag. Nachmittag. Die Sonne verschwand langsam hinter der Haupttribüne. Es wurde dunkel. So jung und naiv die beiden damals waren, so bekleideten sie sich auch. Es war diesen beiden also deutlich zu kalt. In ihren jugendlichen Leichtsinn kauften sie sich Glühwein, um die fehlenden Klamotten wettzumachen. Mit der wärmenden Flüssigkeit stieg auch der Hunger. Es kam so, wie es kommen sollte. Einer der beiden kauft eine Riesenbratwurst. Mit Brot und viel Senf. Senf war ihm wichtig, denn er isst eigentlich keine Bratwürste. Doch das Angebot sprach nur den Otto-Normal-Fan und nicht den jungen Gelegenheits-Fußballfan an.
Die Wurst hatte er in Windeseile verspeist und überlegt, sich noch eine dieser Art zu bestellen. Ob sein Taschengeld dafür reichen sollte, war ihm nicht richtig klar. Er wollte nachzählen.

Als er nichts ahnend seine Finanzen kontrollierte, fiel ihm eine Besonderheit am Hintern des Vordermannes auf. Dieser gestandene Herr im mittleren Alter hatte einen nicht zu übersehenden Senffleck an seinem Gürtel. Nicht nur am Gürtel, sondern auch die gesamte Sitzfläche voll mit dem köstlichen Gewürz. Der Junge dachte darüber nach, wie dieses Malheur passiert sein könnte. Und da fühlte er es. Er fühlte etwas zwischen seinen Zähnen. Ja, es waren Bratwurstreste. Hatte er nicht ebengerade eine Bratwurst mit viel Senf gegessen? Eiskalt lief es ihm den Rücken runter, wenn er daran dachte, was dieser offenbar arbeitslose Gewaltverbrecher mit ihm anstellen würde, wenn diese Schweinerei aufgeklärt wird.
Der Junge dreht sich in alle Richtungen und versuchte eventuelle Zeugen zu erkennen, die ihn an einer Flucht hindern oder dem Arbeitslosen den entscheidenden Hinweis zur Ergreifung des Täters geben könnten. Niemand sieht ihn vorwurfsvoll an. Sollte der Junge noch einmal mit einem blauen Auge davonkommen?
Er beschloss die unauffällige Flucht. Bei jeder Torschance, bei jeder Schiedsrichterfehlentscheidung trat er einen Schritt zur Seite. Nach gut 20 Minuten hatte er einen beträchtlichen Abstand von 3 Metern. Er fühlte sich sicher und erzählte seinem Kumpel dieses Missgeschick. Doch sein Kumpel verstand den Spaß nicht recht und verbreitete Panik, dass der Abstand nicht reichen würde, dass wir früher oder später verpfiffen werden und dann fürchterlich Ärger und Schläge bekommen. Und dann geschah es…
Der Schiedsrichter pfiff zur Pause.
Der Arbeitslose richtete sich auf, befahl einen seiner Leidensgenossen das Pausen-Pflicht-Bier zu kaufen. Doch der Bote entdeckte das Schicksal des Jungen am Hintern des Arbeitsuchenden.
Trotz der Distanz verstand er jedes seiner Worte. Das haben besoffene Fußballfans an sich, sie müssen sich anschreien. So sagt der Bote: "Man WERNER, hohoho, dir ham se wohl die Bratwurst hinten reingesteckt" Werner verstand den Witz nicht recht und forderte den Boten erneut auf, das goldene Getränk zu kaufen: "Mensch Werner, du hast da nen riesen Senffleck am Arsch, hoho." Werner wollte es nicht glauben und tastete mit seinen ebenfalls senfverschmierten Händen in die Stelle. Werners Gesicht sah plötzlich nicht mehr nach gemütlichem Biertrinken aus. Er wollte Rache, er wollte den Täter. In einem unfreundlichen Befehlston fragte er seine Nachbar nach Tüchern. Es war eigentlich keine Frage, es war eine Drohung. Der Junge verstand diese gelallten Worte. Er sah hinüber, er sah ihm fest in die Augen. Die Angst packte ihn und ohne großartig darüber nachzudenken, griff er in seine Tasche und holte eine Packung Taschentücher heraus. Mit Blick in die Augen des mutmaßlichen Vergewaltigers und einem festen Schritt bot er die Taschentücher an. Und gerade zu verdächtig überließ er dem Arbeitslosen die ganze Packung. Ein Ausdruck der Angst oder doch der Entschlossenheit, mit der er handelte? Werner, der sein Leid aber auch die unverhoffte Großzügigkeit kaum verstehen konnte, bedankte sich mehrmalig bei diesem aufgeschlossenen Jungen und dachte ganz sicher an seinen verzogenen Sohn.
Der Sohn, der ihm vor 5 Jahren den Rücken zuwendete und mit Stolz geschwollener Brust den Vater für all seine Missgeschicke verantwortlich machte. Da ist der Arbeitslose nie wirklich hinweg gekommen. Und das ließ er nun den Jungen spüren. Er reichte ihm die Hand und sagte leise: "Wie ein Sohn…"

Imperator