Die Invasion
Geschrieben von El Mozo   
Dienstag, 11. Februar 2003


In meiner frühen Kindheit gab es nur wenige Dinge, die mir Angst einjagten. Die Achse des Bösen war noch nicht existent, die Despoten des Nahen Ostens waren unsere Freunde und überhaut war die ganze Welt, in meiner kindlichen Phantasie, ein Blumenladen. Diese Phalance durchbrachen nur der Teppichklopfer meines Vaters und eine vom Fernsehen geschürte Phobie vor extraterrestrischem Leben. Die Invasion vom Mars ließ mich panisch den Nacken eines jeden meiner Mitmenschen beäugen und ganz spät, wenn meine Eltern schon schliefen, lief eine Serie - ich habe den Namen vergessen - in der man die Bedrohung nur mit Hilfe von speziellen Sonnebrillen erkannte. ... - Sie sind unter uns!
Dem Glauben an diese Dinge entwachsen, mache ich eine neue Bedrohung aus, die alles bisher dagewesene in den Schatten stellt. Eine andere Spezies will uns assimilieren, uns ihren Glauben aufzwingen. Ihre Vertreter sind unter uns und keiner registriert es. Nein, ich spreche hier nicht von den Katholiken und auch nicht von den Amerikanern: Es sind die Bürger von Solarien.


Der Zeitpunkt ihrer Ankunft auf unserem Planeten entzieht sich meiner Kenntnis. Aber es liegt wohl schon ein paar Jahre zurück. Aber ihre Macht wächst von Stunde zu Stunde; wie meine Angst. Die Solarier sind eingeschlechtlich, nämlich männlich. Sollten so niedere Beweggründe wie der Fortbestand ihrer Art die Invasion ausgelöst haben? Na ja, jedenfalls sind sie da. Sie atmen unseren Sauerstoff, essen unsere BigMäc's und benutzen unsere Technik. Es sind Parasiten. Auch ihre Physiologie entspricht der unseren. Fast jedenfalls. Sie sind von Natur aus etwas besser gebaut aus der gemeine männliche Homo Sapiens Sapiens und sie sind sehr braun. Immer, auch im Winter.
Obwohl braun in diesem Falle zu orange tendiert. Diese eigentümliche Färbung ihrer Haut ist ihrerseits wohl lebensnotwendig, was sie dazu bewegte, den Planeten mit Regenerationsfabriken, genannt Solarien, zu überziehen. Dorthin begeben sie sich mindestens zweimal die Woche um ihren Schutzpanzer zu erneuern.
Den Verfall ihrer Knochen und Muskeln kompensieren sie mit Besuchen in den auch bei uns populären Fitnessstudios. Ihre Haarschnitte sind kurz und schnittig, was auf die militärische Ader ihrer Rasse hinweist.
Vor vielen Jahren, kurz vor ihrer Landung schickten sie wahrscheinlich Kundschafter auf die Erde, die unsere Lebensgewohnheiten, unsere Art der Kleidung und Kommunikation, sowie unsere zwischenmenschlichen Umgangsformen studieren sollten. Wahrscheinlich wählten die Scouts der Solarier den falschen Zeitpunkt und noch viel schlimmer, den falschen Ort.
Die erste Invasionsarmada erreichte uns gekleidet in Saddle-Jeans und Carlo-Colucci-Pullovern. Ihre Bewegungsmittel waren deutsche Mittelklasselimousinen vergangener Tage und ihre musikalischen Vorlieben waren minderer elektronischer Art. Gab es denn keine Gitarren auf ihrem explodierten Heimatplaneten? (Das mit der Explosion ist eine Hypothese!)
Ihre Kommunikationsmittel bestanden anfangs und auch heute aus einem verminderten Wortschatz, der hauptsächlich auf Kraft- und Fäkalausdrücken basiert, was augenscheinlich auf eine verminderte Intelligenz schließen lässt. Diese Annahme manifestiert sich auch in der, zu ihrer Tarnung gewählten Berufswahl. Im Gegensatz zu den Außerirdischen, die mir vertraut waren, wurden sie keine Ärzte, Rechtsanwälte oder Ingenieure, sondern stinknormale Bauarbeiter und Automechaniker, was diese, in unserer Gesellschaft zuvor hochangesehen Berufe, völlig in Verruf brachte. Sie eröffneten ihre eigenen Bauarbeiterclubs, und wenn diese aufgrund wirtschaftlicher Inkompetenz ihrer Besitzer schlossen, infiltrierten sie unsere Diskotheken. Sie traten und treten in so viele Fettnäpfe...aber niemand schien und scheint es zu bemerken. Oder sollten sie in unserer Gesellschaft die lang gehegte Sehnsucht nach der Einfachheit geweckt haben? Habe ich sie falsch eingeschätzt? Sind sie doch gewitzt und berechnend? Auch wenn bei mir Zweifel an diesen ihren Eigenschaften bestehen; eines können sie: Menschen, vor allem weibliche, beeinflussen. Was wiederum den Kreis zu meiner Anfangstheorie schließt. Sie weckten in ihren Sexualpartnern die Sehnsucht nach ihren ureigensten Vorlieben. Die Haut der Weibchen mutierte nach etlichen Besuchen in den Solarien. Die Haare wurden nicht kurz, aber da die Solarier kaum oder keine Zapfen auf ihrer Netzhaut besitzen, beschränkt sich die Haarfarbe ihrer Weibchen auf weiß, schwarz oder rot.
Die Solarier sind nicht nur unheimlich breit, sie sind auch unheimlich groß. Jedenfalls ihre Körper, was scheinbar in indirekter Proportionalität zur Größe ihres Gehirns und ihrer Genitalien steht. Um die Frauen auf ihr körperliches Höhenniveau zu bringen, kauften sie ihnen Schuhe mit sehr hohen Sohlen, durch deren enormen Absatz die momentane anhaltende Wirtschaftskrise, besonders in östlichen Gebieten, künstlich herausgezögert wurde. Die Weibchen hören deren Musik, fahren deren Autos und lassen sie ihre Genitaldeformation vergessen. Die armen, gut bestückten Erdenmänner!
Nun hört sich das alles nicht wirklich gefährlich an. Aber wie sagte schon Paracelsus: "Die Menge macht das Gift!" Und es werden mehr, denn durch ihren ungezügelten Geschlechtstrieb, vermehrt sich ihre Rasse exponential. Und während hier und anderswo noch über die Rentnerschwemme diskutiert wird, entsteht eine Subkultur, deren erklärtes Ziel es ist, die Menschheit zu vernichten. Oder glaubt ihr, sie wollen hier ihre Vorgärten anlegen und Stiefmütterchen pflanzen?
Nein, denn dazu ist diese Umwelt viel zu gefährlich, viel zu warm! Erst heute begegnete mir ein stattliches Exemplar der Solarier am Strand. Er wollte seine völlig überhitzte Haut im Seewind kühlen. Der war aber gerade abwesend, was den Invasor sehr wütend machte. Aber beruhigend für mich ist der augenscheinliche Beweis, dass sie zumindest nicht den Austauschprozess der Luftmassen beeinflussen können.
Ist fehlender Wind unsere Chance? Ihre Achillesferse glaube ich aber in ihrem Fortpflanzungstrieb ausgemacht zu haben. Erst neulich durfte ich am eigenen Leibe spüren, wie es ist, einen Solarianer vom Balzritual abzuhalten. Nicht schön; ich hatte Angst! Aber aus Angst wächst Zuversicht, und wenn sich der Widerstand formiert, haben wir eine reelle Chance. Eine Chance, sie von unseren Strassen, aus unseren Clubs und Einkaufspassagen, ja von unserem Planeten zu vertreiben.
Aber sie besitzen eine Droge, Waffe, ich weiß nicht was, die macht, dass die Menschen glauben, Solarier sind normal und die Ureinwohner dieses Planeten nicht. Realistisch betrachtet ist der Tumor schon zu weit gewuchert, um ihn noch erfolgversprechend zu entfernen. Es dauert, aber auch Solarier lernen. Sie wählen jetzt auch schon geistige Berufe, fahren deutsche Oberklasselimousinen und ihre Weibchen tragen normale Schuhe. Oft sind sie nur noch durch ihre völlig misslungenen Kommunikationsversuche mit Erdenbewohnern zu erkennen.
Denn sie besitzen eine äußerst spezialisierte Gruppendynamik. Einfach gesagt, es sind Hordentiere. Alleinstehend oder in anderen Horden sind sie völlig hilflos, was sich in Schweigen und Verschränken der Arme äußert. Darum meiden sie insbesondere Umgebungen, in denen über komplexe Dinge des Lebens diskutiert wird. Wie gesagt, der gemeine Solarier ist ein sehr einfaches Wesen.
Vielleicht sollte man aber auch ihre Langdistanzkommunikation stören, die sie ganz offenkundig mit Mobiltelefonen betreiben. Und da ihre oberste Devise die Auffälligkeit ist, sprechen sie dort sehr laut hinein, benutzen penetrante Klingeltöne und farblich auffällige Displays. Entsprechend ihres Wortschatzes reicht ihnen auch oft eine Kurzmitteilung.
Ich könnte hier noch tausende von Fallbeispielen bemühen, aber wer die Gefahr bis jetzt nicht erkannt hat, ist eines ihrer potentiellen Opfer oder hat nicht mehr lange zu leben. Alle Anderen sollten wachsam sein und versuchen, sooft es möglich ist, kleine Kommandooperationen durchzuführen. Verbale Attacken sowie körperliche Kleingewalt sollten den Anfang bilden. Zieht ihnen doch einfach mal am Familienschmuck. Nein, nicht was ihr denkt! Ich meine ihre oft im linken Hörorgan verpflanzten Schmuckringe. Keine Angst, die sind nicht zu übersehen. Denn auffällig muss es sein...

Tja ihr seht, so kommt jede unserer ureigensten schlechten Angewohnheiten in meinen Ausführungen vor. Aber die Vereinigung fast aller in einem Individuum; das ist zu neunzig Prozent ein Solarier. Nehmt euch vor ihnen in Acht, aber verzweifelt nicht, denn ich erblicke Licht am Ende des Tunnels und nachfolgende menschliche Generationen geben mir den Mut, ein Ende dieses Elends zu sehen.

Ich werde jetzt erst einmal nach draußen gehen und etwas frische Luft schnappen.

Und ihr...SEID VORSICHTIG!!!
El Mozo

Letzte Aktualisierung ( Montag, 7. November 2005 )