| Die Tour de Rostock 03 |
| Geschrieben von El Mozo | |
| Dienstag, 30. September 2003 | |
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Deutschland im Herbst. Während draußen die Blätter die Bäume verlassen und auch die Menge der sportlichen Highlights etwas nachlässt, steuert Rostock auf ein Großereignis der besonderen Art zu: Die Tour de Rostock. Dieses, sicherlich bald legendäre Radrennen findet zum ersten Mal statt. Es ist Samstag, der 28.Tag des Septembers und ich öffne meine Augen. Gestern war es wieder einmal spät: das ST hatte seine Klauen um mich geschlossen. Aber als echter Sportler verließ ich das Lokal um kurz nach zwei und nach 4 Bier. Ein paar Stunden Schlaf würden wohl eher nützlich sein. 11.00 Uhr. Wir erreichen das MAU. Dort herrscht eine leichte, aber immer kontrollierte Aufregung. Das erste kleine Problem tritt auf: Da wir uns kurzfristig zu diesem Rennen entschlossen und nur als Duo antreten, dürfen wir den eigentlichen Teamnamen auf Druck unseres Hauptsponsors nicht benutzen. Also benennen wir unser Team in Gedenken an einen kürzlich verstorbenen Großen des Musikgeschäfts. Das Team Robert- Palmer erhält die Startnummern 100 und 101. Nachdem alle Formalitäten erledigt sind, tun wir das, was alle großen Sportler vor einem Wettkampf machen: Wir rauchen genüsslich eine Zigarette. Plötzlich spricht uns ein wichtig wirkender Mann von der Seite an. Wie sich später herausstellt, haben wir es mit dem Tourdirektor zu tun. Da die Tourleitung einer drohenden Dominanz unseres Teams entgegenwirken will, benutzt man uns kurzerhand, um ein anderes Team auf Sollstärke zu bringen. Ich ändere die Taktik, denn das Partymob-Team hat meiner ersten Begutachtung nach genügend Potential, um den Gesamtsieg einzufahren. Also spreche ich kurz mit meinem Anwalt und regele die rechtlichen und finanziellen Dinge, währen meine alten und neuen Mannschaftskameraden, in sich gekehrt, auf den Start warten. OK, wir haben einen Fahrer für die Bergwertung, einen für die Sprintwertung und ich werde versuchen, um den Gesamtsieg mitzufahren. Allerdings bin ich mir auch meiner körperlichen Schwäche bewusst, die von den zurückliegenden Exzessen herrührt. Sei es drum. 11.30 Uhr. Start der ersten Etappe. Die vorderen Fahrer legen ein wahnsinniges Tempo vor. Aber die erste Sprintwertung dieses Tages kann man vernachlässigen und so versucht unser Team den wirklich starken Gegenwind durch eine kluge Fahrweise paritätisch auf allen Schulter zu verteilen. Doch nach ca. 5 Kilometern muss ich einsehen, dass diese Vorgehensweise uns mehr schadet als nutzt. Und in mir erwacht plötzlich der Sportsgeist, der einen Individualsportler ausmacht. So schalte ich ein paar Gänge herunter und bewege die Kette am Rande ihrer physikalischen Grenzen. Ich bin allein. Weit vor mir kann ich aber plötzlich einen weiteren Fahrer ausmachen. Und während ich über große weltpolitische Fragen nachdenke, schmilzt mein Rückstand Meter um Meter. Nach ein paar Minuten ist es soweit: Ich rieche seinen Schweiß und spüre seinen Windschatten. Ein in mir aufkommender Harndrang stört nur kurze Zeit meine Aufmerksamkeit. Jetzt lasse ich mich von seinem Windschatten ziehen. Auch habe ich ein paar nette Worte für den Sportskameraden über, der mich so motivierte. Aber Sport bleibt Sport und die Professionalität verhindert, dass aus unserem Gespräch eine länger währende Freundschaft wird. Plötzlich lichtet sich das Grün. Wir stehen an einer Kreuzung und weit und breit ist kein Streckenposten zu sehen, der uns den Weg weist. Ratlosigkeit mach sich breit. Mein mühsam herausgefahrener Vorsprung schmilzt dahin. Rechts. Wir starten durch und ich übernehme nun auch Führungsarbeit. Ein vorsorglicher Schluck aus der Flasche beugt der drohenden Dehydrierung vor. Plötzlich erscheint vor uns die Führungsgruppe. Wiederum ist kein Streckenposten anwesend und so kommen wir bald zu der Überzeugung uns verfahren zu haben. Also wenden wir, um irgendwann wieder auf der richtigen Fährte zu sein. An dieser Stelle muss ich kurz die Teamleitung kritisieren, denn auch der nächste Streckenposten ist hauptsächlich mit seinem Bier und dem Telefon beschäftigt. In letzter Sekunde weist er uns den Weg auf die Zielgerade. In weiser Vorraussicht auf die anstehende Bergetappe, die dafür benötigte Kondition und aus Angst vor einer Verletzung, halte ich mich aus einem Massensprint heraus und rolle gemächlich über die Ziellinie. Im Fahrerlager entbrennen Diskussionen über den Streckenskandal, über verbotene Abkürzungen. Die gesamte Tour steht kurzfristig auf dem Spiel. Aber dann wollen alle weiter machen. Ich unterhalte mich kurz mit der Streckenärztin, da sie gerade nichts zu tun hat und ich einer möglichen Fehlfunktion meines Herzmuskels vorbeugen möchte. Nach einigen Minuten des besinnlichen Verweilens treten wir den Transfer zum Startort der Bergetappe an. Das bietet Zeit zum Lockern der Muskulatur und für ungezwungene Gespräche. 13.10 Uhr. Das gesamte Feld hat sich wieder gesammelt und nimmt die letzten Elektrolytgetränke zu sich. Der Tourdirektor schildert noch einmal den Streckenverlauf. Respekt macht sich breit und ich gehe noch einmal in mich. 13.35 Uhr. Der Startschuss fällt und im Gegensatz zur ersten Etappe gebe ich sofort Gas. Die Kürze der Strecke erlaubt diese Vorgehen. Nach einer scharfen und schmutzigen Kurve habe ich die alleinige Führung inne. Ein paar Sekunden später spüre ich Verfolger in meinem Nacken: Es sind meine Teamkollegen für die Sprint und Bergwertung. In unnachahmlicher Weise lassen wir den belgische Kreisel rotieren und setzen uns so noch weiter vom Feld ab. An einem Kreisverkehr verlieren wir allerdings kostbare Minuten, denn es fährt ein Auto in dieses moderne Mittel der Verkehrregulierung und wir müssen den StVO-gerechten längeren Weg wählen. Durch diesen Schicksalsschlag und die nachfolgende Abfahrt kommen die Anderen wieder heran. Wir biegen durch die letzte gefährlich Kurve und dann folgt der Königsanstieg. Verdammt, meinem Teamkollegen, dem Führenden der Bergwertung passiert ein tragisches Missgeschick: Die hochkomplizierte Schaltung seiner Rennmaschine streikt! Aber ich muss weiterfahren. Der Sprintkönig hat seine Aufgabe erfüllt und lässt abreißen. Nun bin ich ganz auf mich allein gestellt. Kleine Explosionen durchzucken meinen Körper und trieben mich an. Wenige Meter vor dem Ziel macht sich dann aber doch mein Trainingsrückstand bemerkbar: Die Tritte werde schwerer. Und als hätte Hitchcock am Drehbuch mitgeschrieben, passiert das, was passieren musste. Auf den letzten 40 Metern zieht plötzlich einer der Basken an mir vorbei, der die ganze Zeit unbemerkt von mir meinen Windschatten nutze und sich so den Berg hochziehen ließ. Der Zweite ist der erste Verlierer. Aber das ist mir heute egal. Das Team zählt. Nachdem alle Teilnehmer gesund das Ziel der letzten Etappe erreichten, schritten die Verantwortlichen zur Siegerehrung. Team Partymob stellt den Ersten der Sprintwertung. Und auch das Ziel die Bergwertung zu gewinnen haben wir erreicht. Der Teamgesamtsieg konnte wegen einiger Unregelmäßigkeiten nicht bestätigt werden und so ließen wir einer anderen Mannschaft den Vortritt. Aber wir waren die Homogensten, mit dem größten Zusammenhalt. Da rücke ich meinen zweiten Platz in der Gesamtwertung gerne in den Hintergrund. Mit einer Flasche Sekt und zwei Flaschen Wodka tritt die eigentlich beste Equipe den Heimweg an. Nachdem wir uns vom Rest der Mannschaft verabschiedet haben, rollen mein Mannschaftskollege und ich noch gemütlich aus und begeben und dann zur Massage. Ein großer Tag für den Radsport und für Rostock geht zu Ende. Am Horizont verliert der FC Hansa in letzter Minute gegen die Bayern und irgendwo in Gehlsdorf denkt ein alter Mann über die jungen Burschen auf ihren Rädern nach, die heute sein Grundstück passierten und die ihn wieder optimistisch in die Zukunft blicken lassen. In Gedenken an Robert Palmer Andy Vorheriger BeitragImmer gut rocken 2003 Nächster Beitrag: Le Tour de Rostock 03 |
