| Ich bin eine Straßenbahn! |
| Geschrieben von Jule | |
| Montag, 26. Juni 2006 | |
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Ich mag ja die Baustelle am Doberaner Platz, die hat so was futuristisches, wie Planet der Affen oder Dune. Na gut, es fahren keine Bahnen mehr und die Bauarbeiter lassen sich nicht zu einem einzigen vulgären Kommentar über meine Brüste verleiten, was mich schon kränkt, aber ansonsten ist es doch ziemlich aufregend, durch diese Lärmlandschaft zu wandern. Und nun, da das Projekt 'legt Rostocks Innenstadt lahm' auf der Spitze seines Erfolges thront und nicht nur Eltern für ihre Kinder haften lässt, sondern auch unbescholtene Mitbürger für ihre Schuhware oder Nervenbündel für ihre Psyche, hat sich die Stadt Rostock für den Schienenersatzverkehr eine ganz süße Idee einfallen lassen. Putzige Busse, die stolz deklarieren, dass sie eine Straßenbahn sind. Hm. Warum auch nicht, wenn wir Deutschland sind, nicht wirklich Papst sein möchten, aber auf jeden Fall die deutsche Nationalelf , dann können Busse doch auch Straßenbahn sein, so wie jeder von uns. Was aber wohl die anderen Busse sagen, wenn sie erfahren, dass ihre markigen Kollegen plötzlich Straßenbahnen sind? Vielleicht fällt ihnen ein, dass sie ja schon früher viel eleganter um die Kurven gefahren sind und auch immer glänzender geputzt waren. Werden sie die neue Identität ihrer Kameraden akzeptieren oder werden sie sie verstoßen, weil sie Angst haben, dass sie auch Straßenbahnen werden könnten, wenn sie zu engen Kontakt haben? Und wie weit darf diese Metapher noch gehen? Na gut, ob Busse, die Straßenbahnen sind, nun schwul sind oder nicht (Jetzt hat sie`s gesagt!) ist ja auch egal, denn als egoistische und völlig ich-bezogene Person interessiert mich eher, was das für Auswirkungen auf mich hat. Wenn sich jetzt schon Busse für alternative Lebensstile entscheiden können, was kann dann noch kommen? Ampeln, die Broadway-Reklameleuchten sind? Gehwege die Treppen sein wollen? Oder gar Fußbälle die Tore sind? Und überhaupt, warum wollen wir ein Baum sein, aber nicht wir selbst? Sind wir alle denn schon derart verwirrt und unglücklich, dass wir uns nicht mehr mit einer Identität begnügen wollen? Ich bin ganz zufrieden mit mir, naja, mit Abstrichen, wie wohl jeder, aber ich find mich ziemlich klasse und finde, dass das jedem zustehen sollte. Wo kommen wir denn hin, wenn niemand mehr sich selbst repräsentieren möchte? Wir sollten stattdessen darauf bestehen wir selbst zu sein und (bitte pathetische Hollywood-Filmmusik einspielen) mit erhobenen Köpfen durch unser Leben marschieren, mit stolzgeschwellter Brust und lauten Stimmen, die rufen "Ich bin Juliane Waack und ich will niemand anderes sein, auch wenn ich Nutella mit dem Löffel esse und bei Bollywood-Filmen heule!" Ähem, naja, oder so ähnlich, ohne die persönlichen Bemerkungen, die hier aber gar nicht in den Kontext passen und so natürlich auch nicht stimmen. Traut euch, steht zu eurem selbst und lasst es nicht so weit kommen, dass Deutschland plötzlich nicht mehr Deutschland, sondern Papst sein will, denn dann können uns keine Straßenbahnen der Welt mehr retten. Vielleicht könnte uns Klinsmann helfen, aber das wäre auch der Einzige und wenn der gerade keine Zeit hat, dann stehen wir aber blöd da. Vorheriger BeitragToo young to die, too old to Prora Nächster Beitrag: Im Garten |
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