Im Garten
Geschrieben von Jule   
Samstag, 4. März 2006
Eine unglaublich fantastische Geschichte des Lebens. "Es gibt nie ein zurück! Die welt geht nicht unter, sie nimmt nur ihren lauf und die karten werden neu gemischt."

Eigentlich hatte der Tag ganz gewöhnlich angefangen, dachte er. Er war gegen elf aufgestanden, es war Sonntag, war ins Bad geschlurft und hatte seine Blase geleert, war in die Küche gegangen, hatte sich Kaffee aufgesetzt und das Radio angeschaltet, hörte aber nicht hin.

Dann hatte er Eier, Würstchen und eine Tomate in die Pfanne gehauen, gebraten und zusammen mit dem Kaffee herunter gespült. Dann war er wieder nach oben gegangen, hatte sich gewaschen, geduscht, die Zähne geputzt, war -mittlerweile wach- ins Schlafzimmer gegangen und hatte sich angezogen. Und dann, als er wieder unten war und die Tür zu seinem Garten öffnete, lag es vor ihm. Ein Loch, ein großes, ach, riesiges Loch, eine gigantische Grube, ein Schacht, dort, mitten in seinem Garten, über Nacht. Minutenlang stand er verdutzt vor den Überresten seines Kartoffelbeetes und sah verwirrt in die breite Öffnung. Sie maß vielleicht 3 oder sogar 4 Meter im Durchmesser und war so tief, dass er den Grund nicht sehen konnte. Langsam ging er um das Loch herum und schüttelte dabei ungläubig mit dem Kopf. Die Ränder waren wie geschnitten, als hätte jemand eine enorme Backform in seinen Garten gerammt, um sich den größten Keks der Welt zu backen. Als er zum dritten Mal um das Loch herum gegangen war, ohne einen Anhaltspunkt zu finden, setzte er sich ratlos auf den Boden. Wie lange er dort saß, dass wusste er nicht, als er die Idee mit dem Stein hatte.

Er sah sich um und nickte, als er einen etwa walnußgroßen Kiesel auf dem Gartenweg fand. Er nahm ihn und warf ihn in die Grube, dann lauschte er. Nichts. Als er auch nach einigen Minuten nicht das geringste Geräusch aus dem riesigen Schacht hörte, nahm er einen größeren Stein und warf ihn hinterher. Wieder war nichts zu hören. Er sah sich um und griff nach einer Kartoffelpflanze, die er mit einem Ruck herauszog und hinter die Steine herwarf. Auch diesmal kein Geräusch eines Aufpralls. Eine Weile saß er da und überlegte, dann sprang er plötzlich auf und hastete ins Haus. Er blieb zehn Minuten und kramte und möllte in allen Räumen, bis er mit einem voll beladenem Pappkarton heraus kam. Er stellte ihn neben das Loch und nahm den ersten Gegenstand heraus. Es war ein Bilderrahmen, den er von einer Bekannten geschenkt bekommen hatte. Das Musterbild war noch nicht entfernt worden, denn Steffen hatte keine Fotos, die er hätte hinein stecken können. Er hielt den Rahmen über das Loch und ließ ihn fallen. Dann lauschte er. Nichts. Es folgten eine alte Teekanne, die unten bereits ein Leck hatte, ein leerer Präsentkorb, ein kaputter und einzelner Schuh, eine Wasserflasche (gefüllt), eine verstaubte Vase und zuletzt ein defekter Toaster. Sie alle verschwanden in der Tiefe der scheinbar bodenlosen Grube und bis auf den Toaster, den er so heftig warf, dass er gegen die Schachtwand schepperte, erklang kein einziges Geräusch, sobald sie aus der Sichtweite waren. Er sah nachdenklich in den leeren Pappkarton und warf diesen hinterher. Dann ging er wieder ins Haus zurück.

Er brühte sich frischen Kaffee auf und machte sich dann an die Arbeit. Er trug drei Stühle, einen Schuhschrank, den Wohnzimmertisch und eine alte Gästeliege in den Garten, ging in die Küche und trank seinen Kaffee in einem Zug, ging wieder in den Garten und schob nach und nach alles in die Grube hinein. es polterte, als die schweren Möbel hinein stürzten, aber auch sie verschwanden in dem schwarzen Abgrund und gaben bei ihrem Aufprall (wenn sie denn aufkamen), keinen Laut von sich. Schweigend stand er neben der Grube und wartete jedes Mal einige Minuten, bis er sich ganz sicher war, dass es nichts mehr zu hören geben würde. Als der Rasen leer geräumt war, ging er wieder zurück ins Haus. Er kam mit dem Küchentisch zurück und dann mit der Vitrine aus dem Wohnzimmer. Dann mit dem Bücherregal und einem kleinen Schrank, in dem er seine Steuerunterlagen aufbewahrte. Er zuckte nicht mal mit einer Wimper, als sie in die Grube stürzten und sich öffneten, als die Papiere wie verletzte Falter aus dem Schrank stoben und in der Dunkelheit verschwanden. Die Bücher, die aus dem Regal gefallen waren, sammelte er auf und warf sie einzeln in den Schacht, dann sah er auf die Uhr, es war bereits später Nachmittag. Ruhig schlenderte in die Küche und bereitete sich sein Mittag zu. Er aß im Stehen und sah aus dem Küchenfenster in den Garten und den Himmel darüber, der klar und strahlend blau war. Als er fertig war, warf er den Teller, das Besteck und die Töpfe in die Grube und machte sich daran, das Gerümpel aus dem Keller in den Garten zu räumen. Er arbeitete stundenlang, ohne eine Pause, bis es dunkel wurde. Er warf einen letzten Blick auf die Grube und ging dann ins Haus, durch die halbleere Küche, den leer geräumten Flur, ging die Treppe hinauf, ging in das Badezimmer in dem sich nur noch die Sanitäranlagen, seine Zahnbürste, Zahnpasta und ein Handtuch befanden, putzte sich die Zähne und ging dann schlafen.

Am nächsten Tag stand er ausgeruht und zufrieden auf, putzte sich die Zähne, duschte sich unter einem kalten Wasserstrahl, zog sich die gleichen Kleider wie am Vortag an, denn die anderen waren bereits in der Grube gelandet und ging nach unten, wo er sich nach einem Kaffee wieder an die Arbeit machte. Es überraschte ihn, wie schnell er voran kam und wie wenig er doch besaß. In dem kleinen Haus hatte es immer nach so viel ausgesehen, aber wenn er jetzt zurück in die kargen Räume ging und nach etwas suchte, das er in die Grube werfen konnte, leerten sie sich in Windeseile und bald war nichts mehr übrig, außer dem Herd und dem Kühlschrank, für die er jeweils eine halbe Stunde brauchte, unter Ächzen und Stöhnen. Als er durch die Räume ging, die ohne Möbel viel größer wirkten und nach einem kurzen bedauernden Blick auf die viel zu schwere Waschmaschine beschlossen hatte, dass er fertig sei, ging er wieder in den Garten hinaus und blickte in das Loch. Es war gegen 5 Uhr abends und er fühlte sich merkwürdig leicht. Die Grube sah genauso aus wie am Vortag, bis auf ein paar Schrammen an den Seiten, wo Erde unter den schweren Möbeln abgebröckelt war. Er setzte sich an den Rand des Schachtes und blickte in den Himmel, bis es dämmerte. Dann zog er langsam einen Schuh aus und warf ihn in die Grube. Er sah ihm nach und warf den anderen Schuh hinterher. Er lächelte, dann zog er die Socken aus und warf auch sie in den Abgrund. Er stand auf und zog sein Hemd aus, dann die Hose, dann die Boxershorts. Als er nackt vor der Grube stand, war die Sonne bereits untergegangen, er hatte sich viel Zeit gelassen. Er sah auf seine Uhr, sah auf die Leuchtanzeige und grinste. Dann sprang er. Hätte es jemand gesehen, wäre jemand dabei gesehen, er hätte wohl geschrieen und vergeblich die Hand nach ihm ausgestreckt und hätte dann angsterfüllt darauf gewartet, dass er den dumpfen Aufprall hören würde. Doch so lange er auch dort gestanden hätte, er hätte nichts gehört. Nichts.


Letzte Aktualisierung ( Samstag, 20. Januar 2007 )