Immer gut rocken 2003
Geschrieben von El Mozo   
Freitag, 13. Juni 2003

...es ist Freitag. Hinter mir liegt der alkoholunterstützte Tag der Glorifizierung des männlichen Geschlechts, dessen Nachwirkungen mir noch Tage später zu schaffen machen.
Der Planet (obwohl wissenschaftlich falsch) brennt und zwei lebenserfahrenen jungen Männern stellt sich eine fundamentale Frage: Dose oder Flasche. Bevor hier jemand auf die Idee kommt, dort etwas anzügliches hinein zu interpretieren...nein, es geht um Bier; Festivalbier. Als strikter Trenner deutschen Mülls und Verfechter des Dosenpfands würde ich jedoch für eine Ausnahmeregelung plädieren, die es Festivalkartenbesitzern erlaubt für die Dauer des Ereignisses, Dosen ohne Pfand zu erstehen.

Die Gründe sind vielfältig. Glas verursacht in Linsenfunktion schwere Waldbrände, in scherbiger Konsistenz tiefe Wunden und als Wurfgeschoß dicke Beulen. Und niemand, wirklich niemand, der sich auf einem Festival so betrinkt wie es sich ziemt, bringt unbeschädigte Dosen zurück.
So entscheidet man sich trotz des enormen Zuschlages von sechs Euronen für eine Palette Bier. Die wahnwitzige Annahme, dass diese zwei Tage für zwei Personen reicht, sei hier nicht weiter erläutert. Nur soviel, dass wahrscheinlich zerstörte Segmente des Langzeitgedächtnisses dafür verantwortlich waren.
Zu Lübzi, dem kleinen Dosenfreund gesellen sich Broti, Schmalzfleischi, Gurki und Salami. Und los geht! Wohin? Ach so, ich vergaß! Wir fahren zum Immergut, dem kleinen feinen Festival inmitten der Einöde nördlich von Berlin.
Der erste Teil der Reise führt uns über die Autobahn. Da dort nichts Spektakuläres passierte, springe ich gleich zum zweiten Teil der Reise, der uns nicht über die Autobahn führte, sondern durch die unendlichen Weiten des Mecklenburger Tieflandes. Dort stellt man außer sehr viel Grün und ein paar Seen nur fest, dass es sonst nichts gibt. Jedwede urbanen Ansätze, geschweige denn Industrie, fehlen hier.
Wir sind im Land der 20 Prozent, im Land der politisch Fehlorientierten. Hier sagen sich Hase und Igel...hui.
Der erste Aufreger des Tages folgt. Nachdem ich bereits festgestellt hatte, dass eine sinnvolle Reihenfolge von Geschwindigkeitsbegrenzungen hier wohl fremd ist, schlägt eine der Fallgruben der Moderne zu. Zu Anfang meinerseits fälschlicherweise als Reflexion des Sonnenlichts interpretiert, weist mich mein Beifahrer darauf hin, dass wir geblitzt worden sind. Ein kurzer Blick auf die Nadel zeigt mir schreckverzögerte 75 im Ort. Hui. Da wird das Wochenende wohl doch etwas teurer. Nachträglich bin ich etwas stolz darauf, die Wirtschaft dieses Landstrichs angekurbelt zu haben. Aus einem etwas anderen Blickwinkel erschließt sich die Tatsache, dass es die Leute hier im Gegensatz zum Ruhrpott und dem Rest des Landes bereits geschafft haben, von Industrie- auf Dienstleistungsgesellschaft umzustellen. Weiter so!
Gesäumt von grünen Auen und Wäldern schleiche ich in Richtung Neustrelitz. Der Ort verdankt seine Erwähnung nur der Ähnlichkeit zu meinem Namen und seines Krankenhauses.
Zwei Fahrbier später biegen wir auf das Festivalgelände. Es ist unerträglich heiß und so staubig, dass eine permanente Wolke über dem Platz hängt. Da ich auf Festivals das Duschen kategorisch ausschließe, legen sich einige Sorgenfalten auf meine eh schon zerfurchte Stirn. In alter Soldatenmanier suchen wir auf dem Parkplatz einen markanten Punkt, der uns erlaubt im benebelten Zustand den fahrbaren biergeschwängerten Untersatz zu finden. Der einzige Baum lädt zum Verweilen ein...
Unter strategischen Gesichtpunkten beginnt die Suche nach einem geeigneten Zeltplatz: nicht an der Pisslinie, nicht am staubigen Weg und vielleicht ein paar weibliche Geschöpfe in der Nähe. Apropos Mädels; es herrscht ein erstaunlicher Anteil dieser zaghaften Geschöpfe. Randnotiz!
Nachdem das Zelt steht, das Bändchen am Arm ist und ein paar Bier später (die irrige Annahme, dass wir die Dosen wieder abgeben, zerstört sich mit dem ersten Plong des leeren Weißblechbehälters in der Mülltonne): Wir betreten das Gelände. Der erste Eyecatcher ist der nicht gerade hässliche Arsch des Desperados-Promotion-Girls, welches sich seiner Reize vollkommen bewusst ist. Nachdem Rocco, ich habe mal bei Viva Zwei gerbeitet, uns vor Wildschweinen und Waldbrand gewarnt hat, geht es los. Zu den Bands nur soviel: Viele mir unbekannte, teilweise gute, teilweise schlechte Vertreter der Sangeskunst ergeben ein musikalisch ausgeglichenes Bild. Es ist allerdings nicht auszuschließen, dass mir aufgrund körperlicher Benommenheit einige entgangen sind. Highlight dieses Freitags ist in meinen sicher der Auftritt von Console. Ich habe selten so krasse Bässe in meiner Magengegend gefühlt. Gekackt wird auf einem Festival übrigens auch nicht. Kategorisch nicht.
Die Nasen voller Dreck, die Blasen voller Bier und etwas desorientiert schlagen wir uns dem wohlverdienten Schlaf entgegen.
Samstag 9.00 Uhr, der Tag beginnt mit einem Schock: Die Wirkung der Herrentagssonne kommt erst jetzt voll zur Geltung und manifestiert sich in Form einiger dicker ekelhafter Brandblasen auf meinem Fuß. Die besorgte antiseptische Feststellung meines Mitstreiters lautet: Arzt.
Nachdem wir uns in einer Apotheke auf die Anfrage nach dem Notdienstarzt eine Absage holen, steuern wir das Krankenhaus an. Dort nehme ich in der Notaufnahme Platz. Neben mir sitzt ein zugehackter, krückenunterstützter Mittvierziger, dessen Gesicht mir die Geschichte seines, größtenteils im alkoholisierten Zustand verbrachten, Lebens erzählt. Die Grunzlaute seinerseits quittiere ich mit einem interessiert wirkenden Lächeln. Nebenbei werde ich Zeuge des Ablebens einer alten Dame. Es könnte natürlich auch sein, dass sie den Wunsch nach Abdeckung ihres Gesicht aufgrund des ekelhaften Kunstlichtes an der Decke äußerte. Es gibt keine Bunte und auch keine Autobild und so verbringe ich die zwei Stunden Wartezeit mit der Beobachtung einer etwas kindlich wirkenden Videoinstallation. Entertainment rules...
Dann darf ich in die heiligen Hallen des Emergency Rooms eintreten. Nein, weder Schwester Carroll noch Doktor Greene haben Dienst. Ich setze mich. Der folgende Dialog entspricht in Auszügen der Wahrheit.
„Guten Tag“
„Was haben sie denn?“
„Ich habe mir am Herrentag einen Sonnenbrand geholt und jetzt sind da ein paar Brandblasen auf meinem Spann.“
„Zeigen sie mal!“
„Es tut mir übrigens Leid, das ich so schmutzig bin, aber aus Angst, die Blasen beim Waschen zu Öffnen und somit eine Infektion zu riskieren, habe ich es sein lassen.“
„Du kommst wohl vom Immergut?“
„Ja! Habt ihr vielleicht etwas zum Abwaschen?“
„Na, du könntest mal kurz in die Badewanne!“

Es folgt ein kurzes Telefonat, während dessen ich über die Badewanne nachdenke.

„Geh mal in die 8, da wartet die Schwester auf Dich.“

Was ich habe eine Schwester? Unmöglich, aber mal schauen, wie sie aussieht...sie sieht aus wie...uninteressant für mich, da viel zu alt. Aber sie ist nett, gibt mir Handtücher, Antifußpilzsocken und Seife. Nach einer ausgiebigen Dusche piekt mir die Schwester die Blasen auf und ein schmächtiger Zivildienstleistender legt mir einen schönen blauen Verband an.
Sauber und attraktiv wie immer verlasse ich die Sepsis und genehmige mir zusammen mit meinem wartenden Kameraden ein Bier...ha, das Bier.
Nachdem wir die Palette natürlich schon am ersten Abend vernichteten, musste ja Nachschub ran. In einem Getränkemarkt erforschten wir die Vielfalt der Gerstensäfte und entdeckten ES. Diese anmutige Kästchen, gefüllt mit braunen Fläschchen, deren exquisites Etikett uns sofort ins Auge fiel...diese Meisterstück adliger Braukunst (mir läuft noch immer das Wasser im Mund zusammen), diese Bier der Biere zum sagenhaften Stückpreis von 30 Cent plus Pfand: VON RAVEN. Süffig würzig im Geschmack, gebraut nach dem Reinheitsgebot offerierte sich hier unser künftiger Festivalfavorit. Von den neidischen Blicken der Anderen möchte ich an dieser Stelle gar nicht sprechen.
Glückskind!
Und was passt zu Bier? Richtig! Fußball. Begleitet von diesen beiden Evidenzen der Männlichkeit, verweilten wir kurz beim Festivalfußballturnier um uns danach wieder dem Essentiellen zu widmen: Musik, Sonne, Staub und Bier.
Und so waren wir zu Beginn des ersten Bandauftritts bereits so angehackt, dass die Koordination der Fußposition bereits schwer fiel. Der Ablauf sah dann folgendermaßen aus: Ein Bier im Anschlag, gingen wir zum Eingang. Das Flaschenverbot auf dem Gelände zwang uns zur vollständigen Leerung der Flasche vor dem Tor. Drinnen angekommen, kurz abgehottet, verspürten wir ein unheimliches Trockenheitsgefühl in der Kehle, was uns dazu veranlasste, das Gelände zu verlassen und ein neues Pils zu holen. Diesen Ablauf kann beliebig oft bis zur vollständigen Leerung des Kastens durchlaufen lassen. Highlights an diesem Tage war der Aufenthalt an den Zelten des Rostocker Partymobs und der Auftritt von Readymade. Die Band ist nicht besonders toll, aber das Publikum war klasse und wir brachen mal wieder mit dem Grundsatz, nicht in erste Reihe zu gehen. Scheiße, zwei fußbehinderte Altrocker müssen den Kiddies zeigen, wo der Poguehammer hängt. Nebenbei stellte einer unserer Begleiter fest, dass eines der crowdsurfin’ girls nichts unter ihrem Rock trug. Die Überprüfung dieser Feststellung bliebt mir allerdings verwehrt. Der anschließende Auftritt der in Finanznöten steckenden Gruppe Therapy? muss hier nicht weiter erwähnt werden. Torkeling backward...shocking!!! Ein fieser Wichtel hat sich meinen Campingstuhl geborgt. Gut im Herzen glaubte ich, die Sitzgelegenheit am nächsten Morgen wieder vorzufinden. Irrglaube! Ihr kleinen punkimitierenden Muttersöhnchen, geht mal einen Monat bei McDonalds arbeiten. Dann könnt ihr euch einen eigenen Stuhl kaufen und wisst was er kostet! Meine mit unzähligen Schweißtropen auf Hamburgern erarbeitete Sitzgelegenheit unterlegt jedenfalls seit kurzem einen Diebesarsch. Pickel sollst du bekommen, du Dieb! Es ist Sonntag früh...die Musi spielt net mehr, das Bier ist aus und Andy muss nach Haus! Völlig verdreckt, mache ich mich auf den Rückweg. Meinen Beifahrer tausche ich noch gegen zwei an die Ostsee wollende Berliner Gören ein und...ja und, das war es! Alles in allem ein viel versprechender schöner Beginn der Festivalsaison. Danke Immergut, danke von Raven und danke an alle anderen. Wir treffen uns auf dem Hurricane.
Übrigens konnte ich 11 der 24 Dosen retten. Ein, wie ich finde, unglaublicher Beweis von Willensstärke und Naturverbundenheit.

Das Fleisch war schwach, der Geist war willig
Wir sahen dich darben, du warst so billig
Wir darben selbst und suchten den Hafen
Du liefst in uns, und wir in Dich
Geliebtes von Raven...

Andy


Letzte Aktualisierung ( Montag, 7. November 2005 )