Studio generale: "Die Zukunft der kleinen Brauereien"
Geschrieben von Imperator   
Montag, 25. April 2005
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KulturbandeDieter Zwang (54) 
 Braukunst.jpgBraumeister einer Niedersächsischen Privatbrauerei

Herzlich willkommen im Studio generale, Herr Zwang.
Vor ihnen steht ein Glas Bier. Entspricht es geschmacklich ihren Vorstellungen?
 
Guten Tag. Um diese Frage zu beantworten, brauche ich ein Glas Wasser und einen Spuknapf und ich kann hier beides nicht finden! Ich probiere es trotzdem…
Naja, ich gehe einmal davon aus, dass es sich hierbei um ein norddeutsches Pils handelt. Äußerst herb. Wenig Geschmackstiefe. Unser Bier schmeckt um Längen besser! Was ist es denn?

Rostocker Pils.
Hätte ich mir auch denken können. Ihr Norddeutschen kennt auch nur Euer eigenes Bier…(lacht)

Sie sind Braumeister einer kleinen Privatbrauerei in der Nähe von Gütersloh. Was unterscheidet denn die Privaten von den kommerziellen Großbrauereien?
Also in erster Linie die Treue zur Region. Nur echte Gütersloher wertschätzen das perfekte Ensemble von heimischem Grundwasser, heimischer Gerste und Hopfen. Ich will nicht sagen, dass wir jede einzelne Gerste penibel unter die Lupe nehmen und nach Fehlern suchen, aber die Identität zum Produkt und die hohe Qualität der Inkiedenzien sind sicher der Hauptunterschied zwischen Groß- und Privatbrauereien. Ganz zu schweigen vom Lokalpatriotismus…

Die Großen produzieren, die Kleinen kreieren?
Richtig. Denn das oberste Gebot heißt bei uns „Klasse, statt Masse!“ Und das geht nur mit viel Erfahrung, großer Liebe und, ohne dass das nach Selbstüberschätzung klingt, mit Koryphäen wie ich.
Das Problem bei den Großen ist nämlich die fehlenden guten Braumeister. Brauereien mit großem Absatz können sich nicht soviel Zeit beim Mischen der Zutaten lassen. Da sitzt dir ständig der Produktionsleiter im Nacken und klopft auf die Uhr. Für gefühlvolles Abschmecken und Nachbessern fehlt in diesen Betrieben einfach die Zeit. Und dass bedarf einer Menge Zeit und Muse. Ich selbst habe auch einmal in einer großen Firma gearbeitet und die schlechten Seiten dieses eigentlich künstlerischen Berufes kennen gelernt.


Der Erfolg der starken Marken wie Warsteiner und Becks scheint doch den Bierkonzernen Recht zu geben. Oder kann der Konsument nicht zwischen guten und schlechten Bieren unterscheiden?
Das kann er nur in begrenztem Maße. Er kann zwischen schlechtem ausländischen Bier und deutschem gut gebrauten Bier unterscheiden, aber sicher nicht zwischen Nordost- und Mitteldeutschen Bieren. Das muss er auch nicht. Aber wenn der Konsument Bier kaufen geht, tut er das für gewöhnlich im Supermarkt, allerhöchstens im Getränkefachmarkt. Und da finden Sie hauptsächlich die großen Marken wieder, die mit brachialer Marktdurchdringung ihren Platz im selbst noch so entlegenen Wickel Deutschlands erkauft haben. Das heißt, den meisten Deutschen Biertrinkern ist der Weg zum wirklich guten Gerstensaft schlicht und ergreifend verwehrt. Daran muss gearbeitet werden. Damit auch Peter aus Potsdam in den kulinarischen Hochgenuss unserer Edelbiere kommen kann!
Aber die deutsche Bierindustrie wird doch von einer unvorstellbaren Markbereinigung heimgesucht. Es werden kleinere Bierproduzenten in gigantische Mischkonzerne eingegliedert, die wiederum von noch gigantischeren ausländischen, ja, Globalplayern aufgekauft werden. Wie kann denn eine kleine Privatbrauerei in diesem mörderischen Markt bestehen, ohne Zugeständnisse im Preis und Qualität zu machen?






Da gibt es hauptsächlich zwei Theorien. Vor ungefähr 7 Jahren, genaue Zahlen habe ich jetzt nicht im Kopf, hat sich eine Schweriner Brauerei mit diesen Problemen konfrontiert gesehen und entschied sich für eine radikale Lösung: Qualität runter, Preise erheblich senken, Absatz vervielfachen. Ein einfaches betriebswirtschaftliches Instrumentarium. Doch dieser Weg hat eine unvertretbare Nebenwirkung: Man braut Abwaschwasser mit Biergeschmack! Haben Sie einmal dieses „Öttinger“ probiert? Für jedermanns Kehle eine Beleidigung. Und das funktioniert auch nur in strukturschwachen Regionen wie zum Beispiel Mecklenburg-Vorpommern. Wo die Leute wenig Geld aber großen Durst haben. Wenn es wirtschaftlich dieser Region irgendwann einmal besser geht, dann werden die Folgen vernichtend zurückschlagen. Denn der Weg von der Billigmarke zur Edelmarke, die in guten Zeiten mehr gefragt ist, ist sehr teuer.
Eine andere Strategie haben dutzende Kleinbrauereien verfolgt. Sie haben nicht den Absatz durch den Preis steigern wollen, sondern haben an den Lokalpatriotismus der Region appelliert. Nach dem Motto: Nur echte Friesen trinken Friesenpils! Bei den meisten hat das auch geklappt, allerdings setzt das auch eine ausreichende Bevölkerungsdichte voraus.

Dieses Abwaschwasser, von denen Sie gerade sprachen, unterliegt doch auch nur dem Deutschen Reinheitsgebot!


Was heißt hier nur? Ohne dieses Gebot würden tausende Biertrinker an Magenkrebs erkranken, oder schon beim ersten Schluck an Vergiftung verenden! Außerdem ist das einzige, an das der Deutsche überhaupt noch glaubt, das Deutsche Reinheitsgebot!
Seien wir also froh, dass es vor hunderten Jahren noch Menschen gab, die Gesetze für die Ewigkeit gemacht haben. Und der Wettbewerbsvorteil Qualität sollte nie unterschätzt werden!
Allerdings können auch Sie nicht leugnen, trotz Spitzenqualität, der Bierkonsum in Deutschland stagniert. Ein gesellschaftliches Problem, in der Traditionen nicht mehr zählen?



Wenn Sie die Tradition des Biertrinkens meinen, muss ich Ihnen beipflichten. Es ist bedauerlicherweise der Eindruck entstanden, dass der Bierkonsum unweigerlich Korpulenz zur Folge hat! Das stimmt aber nur im begrenzten Maße! Nur der übersteigerte Konsum kann, und das sage ich mit Ausdruck, zur Fettleibigkeit führen und auch nur bei Menschen, die ohnehin mit dieser Problematik „vorbelastet“, sprich genetisch veranlagt sind!
Der Trend zur Fitness ist aber nur das kleinere Problem der Bierproduzenten. Vielmehr gibt es besorgniserregende Tendenzen bei der Jugend. Es ist seit Mitte der Neunziger Jahre einfach nicht mehr „Mode“ Bier zu trinken und dass macht uns wirklich zu schaffen. Es fehlt, und das klingt hart, der trinkende Nachwuchs! Früher trank der Familienvater nach der Arbeit drei Bier. Die Söhne kannten es also von zu Hause nicht anders, als mit 14 oder 16 wie selbstverständlich zur Bierflasche zu greifen. Heute trinken die Jugendlichen mindestens genau soviel wie früher, nur trinken Sie das falsche. Meist irgendwelche mit Süßstoff versetzten Mode-Mix-Getränke oder gleich die „harten Sachen“ wie Wodka und Rum.
Und dass ist in der Tat ein Traditionsproblem.
Die Brauereien haben doch mit Bier-Mix-Getränken rechtzeitig gegen den Trend gehalten.





Nur die Großen! Die kleinen hatten seinerzeit einfach zu wenig Mittel, um in groß angelegten Werbeaktionen auf die „Neuheiten“ aufmerksam zu machen. Neuheiten sind dass nämlich nicht. Man hat sich schon vor etlichen Jahren daran versucht, die traditionellen Nicht-Bier-Trinker wie Großmütter und Ehefrauen mit Mixbieren wie Kirschbier oder ähnlichem zu locken. Das hat auch funktioniert, aber nur im regionalen Rahmen.
So etwas wie Bier-Cola-Mischungen von Diebels haben am Ende auch nicht den erhofften Erfolg gebracht. Es müssen also andere Weg gegangen werden, um den Bierkonsum langfristig zu steigern…
Und welche Möglichkeiten gibt es?





Wenn das so einfach wäre. Aber es gibt einen Weg.
Nehmen wir ein vergleichbares, ebenso altes Produkt: den Wein. Die Weinanbauer steckten vor Jahren in ähnlichen Schwierigkeiten. Nur gelang es damals einigen gewieften französischen Strategen, den Wein als Allheilmittel zu verkaufen. Es wurde mit schlecht geprüften wissenschaftlichen Erkenntnissen geworben, dass ein Glas Wein pro Tag das Leben verlängern könnte. Angeblich aus dem Grund der gesteigerten Herzfrequenz, die sich beim Trinken von Rotwein ergibt. Und da ist der Hase begraben. Die Konsumenten trinken ohnehin Alkohol, man muss ihnen nur „wissenschaftlich“ das schlechte Gewissen nehmen. Und das geschieht mit solchen Parolen. Keine Sau weiß, dass sich in französischen Provinzen ganze Generationen um den Verstand saufen, und letztendlich an Herzversagen sterben, weil Sie billigen Landwein wie Wasser trinken. Nicht nur, aber auch wegen solchen „wissenschaftlichen“ Erkenntnissen!
Entschuldigen Sie meine Entgleisung, aber bei diesem Thema kann einem Braumeister der Kragen platzen.
Wo war ich gerade? Ach ja, das kann also auch eine Lösung sein, wenn auch fragwürdig, um Absatzeinbußen entgegenzuwirken. Und wenn man genau hinschaut, sieht man viele Bemühungen von Spirituosenproduzenten, mit alten Klischees aufzuräumen.
Beispiel Verporten Eierlikör. Eigentlich ein Omagesöff, aber mit abstrusen Mixvarianten wird auf Krampf versucht, ein Modegetränk zu kreieren. Nur um den Absatz zu steigern.
Oder Jägermeister mit dem marketinggestütztem Wandel von Alkoholikergetränk zum Partykracher. Das geschieht alles nicht zufällig.



Ein schöner Abschlusssatz wie ich finde, Herr Zwang. Bleibt mir nur das Verabschieden von unseren Lesern. Ich bedanke mich für dieses sehr aufschlussreiche Gespräch und wünsche Ihnen wieder durstige Kehlen in Deutschland.
 
Das Gespräch führte Mr. Imp. im Auftrag von Kulturbande.de
Namen geändert. Sollte es wider allen Erwartungen zu Verwechselungen kommen, distanzieren sich die Autoren von jeglichen Mutmaßungen und Verleumdungen. Wenn auch Sie ein interessanter Gesprächspartner sind, wenden sie sich bitte an folgende Adresse: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie es sehen können


Letzte Aktualisierung ( Freitag, 21. Oktober 2005 )