The Karlsruhe Years II - Aber hier leben...
Geschrieben von Imperator   
Sonntag, 4. Juni 2006

The Karlsruhe Years II:

Aber hier leben - nein danke

Nachdem sich das Internetproblem nach hartnäckiger Nerverei beim Administrator erledigt hatte und man mir großherzig den Zugang ins Externe gewährte, wollte ich nach diesem ersten großen Erfolg in Karlsruhe am Ball bleiben. Bloß nicht rasten, bloß nicht in Stillstand geraten, dachte ich mir. Dass Stillstand Tod bedeutet, wusste nämlich nicht nur Herbert Grönemeyer, sondern auch ich, der poplige Praktikant. Das nächste Projekt: „Weg vom Schoße Frau Özdems, rein in die totale Selbstständigkeit. Frau Özdem hatte in meinem Leben eine zentrale Rolle eingenommen. Die Tagesplanung richtete sich nach ihrem Auftauchen. Soll ich die Brötchenkrümel jetzt wegsaugen oder warte ich lieber noch bis Montag, dem Frau Özdem-Tag und lasse sie das machen? Sie war auch der erste und für lange Zeit der einzige Kontakt zu Einheimischen. Kurzum, Sie machte meine Bude sauber und ich war im Begriff, mich an derlei Luxusdienstleistungen zu gewöhnen. Auch kam mir die Gegend, mal abgesehen von der Anonymität, nicht gerade sehr sicher vor. Herumlungernde Kids am Freitagabend gab es auch hier. Und alle standen sie auf gepimpte Autos, sodass ich mit meinem Corsa El Standardo hier keinen Eindruck schinden konnte und mich so auch nicht in Sicherheit wiegen konnte.

Und kaum hatte ich mir den Traum einer wirklich eigenen Bude ausgemalt, flatterte auch schon das erste Angebot, mehr oder weniger durch Zufall in meinen elektronischen Briefkasten. Die Praktikantenbetreuerin der Firma, im Übrigen auch eine Praktikantin, die unsere Sorgen wohl besser versteht als jeder noch so unterbezahlte Festangestellte, erinnerte sich an unsere erste Begegnung am Tage der Einstellung. Sie klärte mich und zwei weitere Praktikanten in die ganz eigene Welt des Arbeitgebers auf. In einem ruhigen Moment erkundigte ich mich bei den anderen beiden, ob zufällig auch jemand im Firmenappartement wohnen würde. Das tat natürlich niemand, vielmehr riet man mir davon ab. Und als mir die Betreuerin auch noch erzählte, dass der großzügige Arbeitgeber seinen hart ackernden Praktikanten Mietzuschuss zahlt, egal wo sie wohnten, waren die Würfel gefallen. Umziehen, und zwar schnell! Einzige Bedingung: Man muss mehr als 50km vom Arbeitsort entfernt wohnen. Nunja, das war in meinem Fall wohl ironisch zu betrachten. Genauso wie die Frage, ob ich Pendler bin!

Die Betreuerin erinnerte sich also an meine Wohnungssuche und leitete ein Angebot an mich weiter. Nachmieter für 4erWG gesucht. Ca.15m², möbliert, Kühlschrank, gut ausgestattete Küche, Internet, Oststadt. 180€ warm. OK, das war doch schon einmal was! Der vereinbarte Besichtigungstag brachte dann aber hauptsächlich Enttäuschung.

Das ich wie ein Hund leben kann, hatte ich bereits in der Vergangenheit eindrucksvoll bewiesen, aber das ich ein Hund bin, nicht. Dazu wäre es nämlich gekommen, wenn ich dieses Angebot wahrgenommen hätte. Die junge Dame der das Zimmer gehörte, hatte offensichtlich große Probleme mit Schätzungen. Ihre angegebenen 15m² waren wohl etwas übertrieben. Es waren gefühlte 8m² und die Dachschräge, die die Hälfte des Zimmers unbewohnbar machte, hatte sie auch verschwiegen. Die Möbel waren Stand 1970, die „gut ausgestattete Küche" hatte nicht einmal einen Ofen und den Internetanschluss teilte sich das gesamte 5-stöckige Haus. Ich konnte ihr es nicht verübeln, schließlich kam sie aus Brasilien und sprach nur schlecht Deutsch. Und in Anbetracht dieser Tatsache, war es kaum verwunderlich, dass sie das Wort „abgeranzt" in ihrer Wohnungsbeschreibung wegließ. Allerdings kann ich ihr nicht verzeihen, dass sie weder südländisches Temperament noch brasilianische Hüften hatte. Das wäre wenigstens ein Kosten/Nutzenargument gewesen…

Als sie mir dann noch die Mitbewohner vorstellte, war die Wohnung gänzlich gestorben. Denn Kenianisch hatte ich im Chat’nCall schon zur genüge, das muss nicht auch noch zu Hause weiter gehen. Ich lehnte dankend ab und begab mich betrübt in Richtung Frau Ödzdem.