The Karlsruhe Years IV - La Carambolage
Geschrieben von Imperator   
Sonntag, 4. Juni 2006

The Karlsruhe Years IV:

La Carambolage

Es war ein verregneter Samstagnachmittag; nach ausgiebigem Schlaf und ausgedehnter Internet-Session im Chat&Call langweilte ich mich im heimischen Appartement. Und als ich die vielen Pläne befreundeter Anrufer hörte, dachte ich, es wäre an der Zeit, selbst einmal die Stadt zu erobern. Bereits im Hinterkopf den Roh-Plan des Abends, beschaffte ich mir eine SZ-Wochenendausgabe(1,80€) und ein Wicküler Pils 6-Pack (2,47€) im umliegenden Supermarkt. Das Essen von gestern wartete bereits im Kühlschrank, Spagetti Bolognese, was auch sonst. ‚Man kocht, so ganz für sich alleine, hoffnungslos zuviel’, dachte ich und bereitete mir eine xxx-large Portion, wie sie in der Mensa Stralsund undenkbar und für normal gewachsene Mitteleuropäer nicht zu schaffen gewesen wäre. Als der Schmerz im Magen den des Hungers übertrumpfte, waren das erste Bier und der erste Hit meiner Samstag-Abend-Indie-Playlist gekommen.

ImageIch hatte bereits das Ziel des Abends auserkoren, der Club „La Carambolage", den ich bereits einige Wochen zuvor mit den Jungs aus Rostock getestet und für äußerst gut befundenen hatte. Einem unseriösen Karlsruher Internet-Partyguide hatte ich entnommen, dass heute die „London-Calling" Party anstehe. Da ich bereits im Wiener Flex mit diesem Partynamen die besten Erfahrungen gemacht hatte, schien es mir nur allzu einleuchtend, auch hier eine London Calling Party mitzunehmen. Nun denn, ca. 0:30Uhr, das halbe Six-Pack war bereits geleert, meine persönliche Disco auf dem Höhepunkt und die anvisierte S-Bahn am Nahen. Ich gehe. Ein bisschen erschrocken, dass mein Nachbar a) dieses Wochenende im Appartement und b) noch wach war, also dementsprechend meine viel zu laute Musik und das Mitsingen gehört haben musste, ging ich meinen Weg.

15 Minuten später, vor dem Club standen ein paar Betrunkene Kinder, die mit dem Einlasser um Pfennigbeträge feilschen. Ich denke mir: ‚so war ich auch mal und jetzt lasst mich durch ihr Schnorrer!’

Eintritt, erstes Bier mit Handzeichen bestellt, man versteht mich, 3€ ein Weizen, ich gehe den bekannten Weg über die Tanzfläche und stelle mich in eine schlecht beleuchtete Ecke.

OK, 5 Minuten war seit meinem Auftauchen vergangen, die Musik ist schlecht, Depeche Mode und Sisters of Mercy, ich denke, na ja, auch dass ist irgendwie London, wenn auch verdammt schlechtes London und nippte hastig am Bier. Bloß schnell betrunken werden – sodass mir alles, vielleicht auch die Musik egal wird. Außerdem habe ich das Gefühl, alle sind in Begleitung gekommen und verfolgen nur ein gemeinsames Ziel: „Finde den, der heute ohne Freunde da ist."

1:20Uhr. Das Weizen perlt, der DJ besinnt sich des wirklich wahren BritPops und ich wage das Tanzbein zu schwingen. Noch nicht wirklich locker, wie sonst, aber im Takt und das ist die Hauptsache, denke ich. Ich bemühe mich auf der Tanzfläche nicht hinter, neben oder in einem Tanzkreis zu stehen, suche einzelne Personen, die Spass am Song und nicht an der Gesellschaft haben.

2:00Uhr

Ich wollte eigentlich schon gehen, aber der DJ hat wider Erwarten geile Musik rausgeholt. Das überaus freundliche Bar-Personal hat mich missverstanden, anstatt des gewollten Weizens bekomme ich ein Glas Wasser mit Zitrone. Nun gut, denke ich, Dehydrierung soll ja auch nicht ungefährlich sein, denn ich war bereits mächtig ins Schwitzen gekommen. Ich entdeckte auf dem Dance-Floor ein paar bekannte Gesichter, mit denen ich bereits zu „The Rakes" getanzt hatte. Ich fühlte mich irgendwie dazugehörig und reihte mich ein.

2:30Uhr

Ich war der heimliche Star der Tanzfläche! Zu den wirklich rockigen Sachen bewegte ich mich ausgelassen. Ich hatte Fans, zum Beispiel eine junge Dame im weißen Oberteil, die den tollen BritPop-Style draufhatte, den ich so mochte. Oder eine etwas Korpulentere, die sich nicht nur an mich ranmachte, sondern auch noch glaubte, eine Minimalchance bei mir zu haben. Pah, wenn ich heulen will, gehe ich in den Wald, dachte ich. Ein junges Mädchen im knappen Top tanzt mich eng an. Blickkontakt mit einer echten Queen. Ich will gehen, denke ‚ich bin doch schon vergeben und glücklich, warum sollte ich’, tanze aber trotzdem weiter.

3:00Uhr

Ich bemerke, mit all den Leuten im Laden einschließlich Bar-Personal noch keine vernünftige Konversation geführt zu haben. Irgendwie erschöpft schaue ich auf dir Uhr, ‚der letzte Zug kommt gleich, wenn ich den verpasse, muss ich Taxi fahrn’ – mit 4,50€ in der Tasche wird das aber eng. Ich gehe.

Nass geschwitzt verlasse ich den Club, denke, gar nicht mal so schlecht heute Abend. Beim Dönermann erkundige ich mich nach den Bierpreisen. Dönermann: „Das 0-3-3 koscht 1,60€." Ich: „Und das 0-5er hier?" Dönermann: „1,50€."

Ich schaue verwundert, nehme das Große und bezahle trotzdem 1,60€. Wir führen noch einige Minuten ein Weizen-Pils-Fachgespräch bevor ich los muss. Ich denke, ‚der Dönermann hat bestimmt mitbekommen, dass ich Mitteilungsbedarf hatte’ und schlendere in Richtung Haltestelle.

3:23Uhr

Ich stehe an der Haltestelle Durlacher Tor. Wenige Gesichter. Ein entgegenkommender Zug hält an. 3 schwarz bekleidete Männer steigen aus und stellen sich gleich wieder in Gegenrichtung an. Ich denke, ‚das stinkt doch bis zum Himmel’ und gehe auf den Ältesten, einem Grauhaarigen zu. „Wo kann icke Fahrscheine kaufen?" Er schaut auf mein Bier, auf meine Schweißdurchtränkten Haare und sagt zähneknirschend „beim Fahrer vorne" – er und ich wussten, dass seine lächerliche Tarnung aufgeflogen war.

4:12Uhr

Ich mache das letzte verbliebe Bier auf und schreibe meine Erfahrungen auf.


Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 4. Juni 2006 )