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The Karlsruhe Years VII
Der Mörder im Hof
Ich hatte mich nach kurzer Zeit gut in der neuen Wohnumgebung eingelebt. Die ersten Wochen waren hauptsächlich vom Umräumen, Umdekorieren und Umgewöhnen geprägt. Und es dauerte nicht lange, bis ich die netten Nachbarn der Gegend kennenlernte. Nahezu jeden morgen, beim Kaffee schwarz und frischer Tabakluft bemerkte ich sie, die zwanzig Ratten im Hof.
Sie gingen unbehelligt vom Lärm des anliegenden Friseurs ihrem täglichen Geschäft nach. Über die Geranie hoch zur Mauer, ein kleiner Sprung auf die Mülltonnen und von dort aus immer dem Geruch nach. Etwas angewidert beobachtete ich dieses Schauspiel jeden Morgen, stets in der Hoffnung, dass die Geranie, die sich bis in das erste (mein) Stockwerk hangelte, statisch gesehen nicht für derlei tierische Kletteraktion ausreichen würde.
Eines morgens, ich war ungewöhnlich früh aufgestanden, um eine Reise nach Frankfurt vorzubereiten, saß ich wieder, wie jeden morgen mit Kaffee und Tabak auf dem Balkon. Der Morgen war mild und sonnig und wegen der Übermüdung bemerkte ich nicht, dass sich ein älterer Herr im Hof aufhielt. Und während ich vor mir hinvegetierte, durchdrang die morgendliche Idylle mehrere laute Geräusche. Ich erwachte und schaute neugierig hinunter in den Hof.
Der ältere Herr, der auch gleichzeitig mein seltsamer Nachbar war, hatte mit einem weißen Gasbetonstein auf die schwarze Restmülltonne eingeschlagen. Noch bevor ich mir irgendwelche klaren Gedanken geschweigen denn eine vernünftige Begründung für diese Aktion abringen konnte, hörte ich zwischen den gewaltigen Schlaggeräuschen leises quieken.
Etwa so, wie es eine ausgewachsene 25cm Ratte (mit Schwanz) täte, wenn sie in einer Mülltonne nach Essbarem suchte, dabei von einem Anwohner überrascht werden würde, sich zwischen Tonne und Deckel unglücklich einklemmen und der Anwohner mit eben jenem weißen Gasbetonstein auf die Ratte mit voller Kraft einschlagen würde. Es solches angstgeschwängertes Quieken eben!
Das Kampf ging ewig. Vielleicht 30 Sekunden. Der Mann im Hof ließ es schließlich auf sich beruhen. Angewidert stieß er ein lautes „äääh“ aus und es glitt ihm der blutverschmierte, nun rote Gasbetonstein aus der Hand. Er riskierte noch einen Blick auf die Ratte und verließ dann den Hof.
Das alles musste ich miterleben. Weit vor 7 Uhr in der Frühe. Mir war sofort kotzelend.
Ärgerlicherweise hatte der alte Mann während seines Rückzugs vergessen, den Rest der Ratte in die Mülltonne zu schieben. So hing das Tier noch immer quiekend hälftig aus der Tonne. Die Beine bewegten sich noch. Ein Anblick, den ich so schnell nicht mehr aus dem Gedächtnis bekommen sollte.
Ich machte mich anschließend auf den Weg zum Bahnhof. Eigentlich wollte ich mich zwingen, nicht an den Tatort zu schauen, als ich daran vorbeikam, tat es aber trotzdem. Eine äußerst widerwärtige Sache!
Seit diesem Morgen sehe ich den alten Mann mit anderen Augen. Er der Täter und ich der Kronzeuge.
Doch niemand interessiert sich für den Mord. Doch das sollten sie lieber, denn nur er und ich wissen, welche Mülltonne man besser nicht anfassen sollte - und das der Gasbetonstein eine wichtige Tatwaffe ist.
Diese liegt noch immer neben der Mülltonne. Nur die Spuren des Massakers hat die Witterung reingewaschen. Sein und mein Gewissen allerdings nicht…
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