| Too young to die, too old to Prora |
| Geschrieben von Jule | |
| Donnerstag, 13. Juli 2006 | |
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Nach meinen doch sehr extremen Erfahrungen in Roskilde, dem wohl größten Festival in Europa und meiner Arbeit auf der Zappanale, dem wohl kleinsten Festival der Welt, entschloss ich mich im Jahr 2006 einen Schritt zu wagen, denn ich vorher noch nie gewagt hatte- Festivalfreude ohne Mutti. Nun mag der Eine oder Andere spotten und mit dem Finger auf mich zeigen, mich als Muttertöchterchen beschimpfen und als Weichei, aber ich frage euch, liegt es vielleicht gar nicht daran, dass ich ein verweichlichtes Einzelkind bin, sondern vielmehr daran, dass meine Mutter cool as fuck ist? Naja, ich BIN ein verweichlichtes Einzelkind, aber meine Mutter ist dennoch ne coole Sau. Nun aber zurück zum Thema, sonst kommen wir ja nie in Prora an. Das dürfte man sich auch gedacht haben, wenn man in den Sonderzügen (im edlen Vorkriegsdesign) saß und mit Faszination und Grauen die Horden sich betrinkender Teenager beobachtete, denen es nicht einmal peinlich wurde, schreckliche Schlager zu grölen. Und während ich mich mit meiner Begleitung darüber stritt, ob wir in unseren zarten Jahren (die ja auch nicht soooo weit zurück liegen) auch so scheißepeinlich und die Jungs, die wir damals toll fanden, solche Knallköppe waren, pfiffen sich die jungen Hüpfer Jägermeister, Wodka, Bier, Sekt (wie dekadent) und allerlei andere ominöse Spirituosen rein und erhöhten damit stetig die Lautstärke, während das Niveau gen Mittelpunkt der Erde sank. Aber dann, ca. zwei schlagergetränkte Stunden später, kam der Zug endlich an und panisch stürzten Freundin Cordula und ich ins Freie und in Richtung des Prorageländes, um nicht den Anpfiff des Deutschland-Argentinien-Spiels zu verpassen, was, um hier mal die Spannung zu killen, dann aber doch passierte. Gut organisiert wurden wir ca. zweihundert Mal nach unseren Armbändchen gefragt und um auch alle Fußballfans zu verärgern, wurde am nunmehr dritten Einlass (ähnlich wie am Flughafen), eine zeitaufwendige und völlig unnötige Taschenkontrolle durchgeführt, was alle Besucher natürlich ungemein freute, da man ja selten peinliche Dinge in einer Reisetasche aufbewahrt. Glücklich darüber, dass meine Unterwäsche ganz unten im Rucksack steckte und auch keine unangenehmen Körpercremes gut sichtbar gelagert waren, ließ ich auch diese Demütigung über mich ergehen und schoss dann in Lichtgeschwindigkeit zum Zeltplatz. Dort angekommen durfte ich mir ein weiteres Mal in meinem Leben zu meiner zuverlässigen Unfähigkeit gratulieren, da mein Zelt zwar vorhanden war, sich aber die Zeltstangen irgendwo in Rostock befanden. Und ich danke (zum ersten Mal in meinem Leben) Gott, dass er die Bundeswehr erfunden hat, denn ohne die Hilfe zweier reizender Ex-Bundis wurde auch dieses Problem gelöst und das Zelt kurzerhand an einer Tanne festgebunden, was zwar kein Zeltkomfort der Extraklasse bot, dafür aber Individualität und Zecken, sowie eine nette Ameisenstraße direkt neben dem Eingang. Kurz und gut, 25 Minuten nach Anpfiff standen wir mit etlichen anderen Fans vor einer Leinwand und fieberten dem Spiel mit, umgeben vom Schweiß vieler fremder Leute und charmanten Basketballspielern (oder was 2 Meter große Männer sonst so tun) vor unseren dezenten 1,60 Körpergröße. Deutschland gewann und ich war mittlerweile so weit, wieder nach hause zu fahren, um den Sieg bei einem kalten Bier zu feiern, aber nee, wir waren ja nicht da um Fußball zu gucken, also husch mal durch das Festivalgelände getingelt, um die Lage zu "checken". Man kann sagen, was man will, aber die Prora-Leute haben sich wirklich was einfallen lassen. Graffity, zig Bühnen, Fußball, Basketball, Beachvolleyball, alte Nazigebäude und mehr Politikvereine, als Sand am ebenfalls vorhandenen Strand. Gut, die Sportangebote waren für Fitnessinvaliden wie mich nicht gerade die erste Wahl, ich bin ungefähr so politisch wie ein Butterbrot und Graffity endet bei mir auch eher als Farbklecks an der Wand, aber zumindest bot das alles genügend Stoff um zynische Kommentare für ein ganzes Wochenende los zu werden. Musik gab es reichlich und auch wenn ich gerade mal 4-6 Bands im Vorbeigehen gehört habe, so kann mal wohl sagen, dass für jeden Musikgeschmack etwas da war, auch wenn meiner Meinung nach die Technofraktion gerne auch irgendwo außerhalb der Hörreichweite hätte spielen können. Was ich auch gerne vermieden hätte, war dann die bestialische Hitze, die sowohl Samstag als auch Sonntag über uns herein brach und jeglichen jugendlichen Elan aus unseren verschwitzten Körpern nahm. Nicht, dass wir viel Elan gehabt hätten, aber das bisschen hätte wenigstens gereicht, um uns länger als 5 Minuten aufzuraffen. So entschieden wir uns dann allerdings in regelmäßigen Abständen den sympathischen, schattigen Boden alle hundert Meter zu begrüßen und faul die Jugend zu beobachten, deren alkoholgetränkte Energie ausreichte, um uns mit sportlichen Aktivitäten und pubertären Balzriten zu unterhalten. Schön war auch die Mittelalterecke, in der wir mit Musik aus vergangenen Zeiten und Schwertkämpfen bei Laune gehalten wurden, während ich meine Vorurteile überdachte, da solche Unterhaltungstruppen damals für ihre Betrügerei und Diebstähle berühmt waren und ich mir die Frage stellen musste, ob man das heutzutage auch noch durchziehen konnte. Mit einem Blick auf mein spärliches Studentenbudget entschied ich, dass dem nicht so war und genoss die holden Maiden und mutigen Ritter. Fußball musste es selbstverständlich auch am Samstag geben und so hockte ich euphorisch und in Tracht meiner favorisierten Mannschaft (England) vor der Leinwand, während die Mannschaft der Uni Rostock hinter meinem Rücken unzählige Gegner schlug, bis sie im Viertel- (oder sogar Halb-?) Finale das Zeitliche segnete, was Minuten später auch meine netten Engländer taten und ich mir eine Träne aus meinem sonnenverbrannten Gesicht wischen musste. Der Abend beschränkte sich dann vor allem auf die Suche nach etwas Essbaren, alkoholischen Getränken in Maßen und einigen Abstechern zu den zahlreichen Bühnen des Festivals, die ganz im Gegensatz zum HipHop-lastigen Freitag plötzlich mit fliegenden Haaren und kreischenden Gitarren bevölkert zu sein schienen. Keimzeit durften sich dann auch für drei Lieder an meiner Anwesenheit erfreuen, bis ich feststellte, dass ich kein großer Keimzeit-Fan bin und es wohl auch nicht mehr werde. Aber Passadeena waren wie immer Pflicht, wenn auch nur für ein paar Lieder, da sie verspätet auftraten und wir bereits am Stand erwartet wurden. Sorry Jungs, aber die Masse an kreischenden Groupies dürfte euch etwas über diesen Verlust hinweg getröstet haben. Dort im Sand, in Dunkelheit und ohne erhofftes Lagerfeuer wurde dann noch dümmlich in die Sterne geglotzt und ne Sternschnuppe gab’s auch noch kostenlos dazu. Was für ein wundervoller Ausgang für diesen schweineheißen Tag. Der nächste Morgen brachte dann weder Katerstimmung noch bequeme Schlafpositionen mit sich, dafür aber eine euphorische Aufbruchsstimmung, denn wir alle wissen, Festivals sind schön und gut, aber eine Dusche, ein WC und ein weiches Bett gewinnen pro Dixiebesuch und Nacht-auf-Tannenzapfen-verbracht an Wert. Zurück in die Nostalgiezüge und ein letzter Blick auf die einzigen Gleichaltrigen des Festivals, die unzähligen Bundis, die die Kids davon abhalten sollten, den Wald in Brand und die Gebäude in Schutt und Asche zu legen und ab ging es nach hause. Müde und dreckig, aber zufrieden, denn auch wenn es keine Billy Talent oder Elbow gab (schluchz), so war es einmal eine charmante Abwechslung und im Übrigen ausgezeichnet organisiert. Schönes Ding und nette Atmosphäre, aber in drei Jahren wird man mich dann wohl nicht mehr unter den Gästen finden, höchstens als endgeile Frontfrau einer Band, wenn wir bis dahin nicht schon so berühmt sind, dass man sich uns nicht leisten kann. Naja, man darf doch mal träumen, oder? Vorheriger BeitragVoelkerverstaendigung ohne Umlaute Nächster Beitrag: Ich bin eine Straßenbahn! |
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