World of Wehrdienst
Geschrieben von Imperator   
Mittwoch, 7. November 2007

Zweites Buch: World of Wehrdienst


Flieger Rattoff und einige andere aus meiner Grundausbildung hatten genauso viel Glück gehabt, wie ich. Andere Kameraden hingegen weniger. Flieger Paul, ein mittelgroßer Brandenburger, gelernter Straßenbauer, vor und höchstwahrscheinlich nach der Bundeswehr arbeitslos, traf das Schicksal härter. Er wohnte unweit von der Kaserne und wurde nach Südbayern versetzt. Flieger Räckel, der angehende Berliner Pornodarsteller ging in den Ruhrpott und Flieger Thomas, der ohne Probleme in „Zwei Nasen tanken Super“ hätte mitspielen können, ging in den Hochschwarzwald zu einer Abhörstation obwohl er aus der Gegend Cottbus kam. Seltsam, dass die Soldaten, die aus der Gegend kamen, besonders weit weg versetzt wurden. Doch wir Norddeutschen, die während der Grundausbildung mindestens 350km Anreise auf sich nehmen mussten, hatten nun auch einmal Glück. Das Ziel unserer nächsten sieben Monate war Sanitz, das beschauliche Dorf bei Rostock, in der Sieben-Buchen-Kaserne.
Nun muss man natürlich wissen, dass in Sanitz die Flugabwehr-Raketengruppe XY stationiert war. Grundlegendste aller Neuerungen für uns war neben dem Wegfall der strapaziösen Zugreise mit dutzenden betrunkenen Soldaten vor allem die neue Dienstgradbezeichnung „Kanonier“. Wir waren durch einen schnöden Ortwechsel vom Flieger zum Kanonier geworden, da unsere jetzige Einheit keine fliegende sondern vielmehr schießende Aufgaben hatte. Diese kleine Namensänderung hatte ich erst nach einigen Wochen in den auswendig gelernten Meldetext gegenüber Vorgesetzten eingebaut. Das brachte mir allerhand Ärger und Zweiaugengespräche mit dem Spieß ein.

Im Gegensatz zur märkischen Kaserne war die Mecklenburger klein und überschaubar. Sie lag romantisch in einem Buchenwald, die, wie einige unsanierte Ecken vermuten ließen, in früherer Nutzung russisch gewesen sein musste. Mein beschauliches Zweimannzimmer mit Flieger Mendig tauschte ich gegen eine stinkende 8-Mann-Nichtraucherbude ein. Meine neuen Kameraden auf der Stube trugen solch seltsame Namen wie Hortmann, Monk (mit ähnlichen Charakterzügen wie aus der bekannten TV-Serie), Radtke, Thomas oder Stefan oder so ähnlich, sie war fest in nordostdeutscher Hand und grundsolide. Acht Gestalten, die allesamt faul waren und dem Wehrdienst nur wenig abgewinnen konnten. Dementsprechend hielt man es nicht so genau mit der Reinigung, mit dem Rauchverbot oder dem Zapfenstreich.

Bei der Einteilung der Aufgaben sagte mir irgendeiner von den namenlosen Vorgesetzten, dass ich Glück gehabt habe und eine der interessanten Verwendungen zugeteilt war. Offiziell war ich Startgerätediener, wobei mir das Wort "Bediener" nicht sonderlich gefiel und ich mit „Startgeräte“ nicht viel anfangen konnte. Auf meine Frage, was das denn sei, lächelten die Offiziere mitleidig und sagten, dass ich „bildhaft“ gesprochen den roten Knopf zum Abschuss von Raketen bedienen würde. Es sei eine Ehre, das darf nicht jeder machen.
Nun gut, Rakete klang gefährlich und ein bisschen mehr Action konnte angesichts der eher laschen Grundausbildung nicht schaden. Doch bevor man mich an das Startgerät ließ, musste ich Unmengen von Schulungen über mich ergehen lassen. Es wurden sogar Tests geschrieben, in denen man selbst bei strenger Auslegung der Prüfungsordnung nicht hätte durchfallen können. Alles zu unserer Sicherheit, wie man allerorts und jederzeit versicherte. Und tatsächlich, als ich das erste Mal vor diesem Startgerät stand, es war mittlerweile Dezember und draußen äußerst ungemütlich, fühlte ich auch so etwas wie Ehrfurcht, obwohl ich mir nicht sicher war, ob es an den Schauergeschichten lag, die sich um die Raketenabschussbasis rankten oder ob es an der Urgewalt der Sprengstoffmenge lag, die in den Raketen schlummerte. Nun, letzteres stellte sich ziemlich schnell als Nepp heraus, denn wie ich von einem erfahrenen Startgerätebediener erfuhr, lagerten die nahesten „abschussbereiten“ Raketen im 300km entfernten Bremen. Unsere hingegen waren Dummys, die mit Beton gefüllt waren. Einerseits nahm das natürlich den Großteil der Spannung, andererseits und gerade im Hinblick auf die Fingerfertigkeit meiner Kameraden als Versicherung gegen frühzeitiges Ableben anzusehen.

Das Flugabwehrsystem trug den schauderhaften Namen Hawk, wohl in Gedenken an die während der Erprobungsphase im Friendly Fire gefallenen Falken, wie ich vermutete. Das Hawk-System war nur im Verbund mit anderen Startgeräten sinnvoll, dazu gehörte ein Kommandostand, ein Radargerät, mehrere fahrbare Stromaggregate, zwei Panzer, die diesen Namen in keinerlei Weise verdienten und die Unterkunft und Schaltzentrale für die Startgerätebediener, die LSCB, was irgendetwas mit Leitstand Controlbox oder so bedeutete. Die LSCB war eigentlich nur ein großer Koffer mit fünf Schaltern und drei Leuchten, aber weit schwerer als Flieger Rattoff und ich zusammen. Da wir diesen Koffer nicht allzu oft bewegen mussten und das norddeutsche Wetter auch in Sanitz seiner Tradition alle Ehre machte, wurde in einem schwachen Moment der Generäle ein Container um die LSCB bewilligt und gebaut, sodass wir Startgerätebediener Unterschlupf hatten. Fortan sollte ich den Großteil meines übrigen Wehrdienstes in diesem tristen Container verbringen, ohne Entertainment, ohne Wasser, ohne Heizung. Nur eine Hand voll mittelmäßig gebildeter Soldaten, die einen dreckigen Witz nach dem anderen rissen.
Das meinte wohl der namenlose Offizier mit „der interessanten Tätigkeit“ und dem „viel Glück gehabt“, als er mir diese Aufgabe zuteilte. Aber immerhin, es regnete nicht rein!



Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 13. November 2007 )