Liam Frost and the Slowdown Family
Geschrieben von Jule   
Mittwoch, 7. März 2007

Liam Frost and the Slowdown Family

"I know this world is vicious, darling, let's make tracks now.
We'll burn every history book and start our lives here. Drink up,
Forget all about, the loss that a life time brought our way"

(„the city is a standstill") [Video oder MP3]

liam2_gallery.jpgWas haben die 80er nicht alles angerichtet. Föhnfrisuren, die größten Schulterpolster der Welt und Modern Talking. Ein Wunder, dass die gesamte Menschheit angesichts dieser Naturkatastrophen dem Wahnsinn verfallen ist und sich selbst ausgelöscht hat. Aber das Schlimmste an den 80ern war wohl der Untergang der großartigen Songwriter.

Was in den 60ern und 70ern eine Vielzahl an wunderschönen Alben hervor gebracht hatte, kam in den 80ern zum Stillstand und erholte sich nur sehr sehr langsam in den 90ern wieder. Aber halleluja, wir haben sie wieder, die verschrobenen Männer mit den seltsamen Namen, Namen wie Sufjan Stevens oder Rufus Wainwright, Männer deren Kompositionen eigentlich so kitschig sind, dass sie Mädchenmusik machen würden, wären da nicht die fantastisch absurden und düsteren Texte. Und auch wenn Amerika in dieser Beziehung einmal die Nase vorne zu haben scheint, auch Großbritannien ist sich nicht zu schade, die Abgründe des Lebens mit etwas Schmalz zu vermischen.

Liam Frost ist mit seinem Album "Show me were the spectres dance" zu einem Helden für mich geworden, weil er eines dieser großen Wunder der Musik vollbracht hat: ein Album, dass man in einem durchhören kann, ohne sich nach dem Skipknopf zu sehnen.

Bereits der Opener, "The city is a standstill" breitet sich wie ein Weizenfeld der Hoffnung und der guten Laune vor einem aus, "I know this world is vicious" flüstert er in unsere Ohren, aber hey, nur für diese eine Nacht, dieses eine Album, lasst uns das vergessen und mit Wein und Weibern tanzend durch die Straßen ziehen.

Aber diese Fröhlichkeit herrscht nicht an, Liam singt, begleitet von Chören, Orchestern und all seiner Schrulligkeit, über Beziehungen, die Angst machen (if tonight we could only sleep), einen Verlassenen, dessen Erinnerungen an seine Geliebte wie Gemälde an den Wänden hängen(she painted pictures) und eine Prozession, die um vertane Gelegenheiten und verstrichene Zeit trauert(the Mourners of St.Paul‚s).

All das verpackt in die süßesten Melodien, die genau dann mit geflüsterten Chören in leicht verstörende Gefilde abstechen, wenn es zu zuckerig wird. Von Anfang bis Ende hat dieses Album alles, was den Fan von Songwritern die Tränen in die Augen treibt, sogar ein wenig Country, wie in "Shall we dance", der das Herz bluten lässt. Und wie sicher sich Liam und die Slowdown Family durch die simpel erscheinenden Accoustic Tracks und pompösen Hymnen spielen, als wüssten sie alleine, dass Schmerz beides sein kann, jauchzende Jubelschreie mit bitterer Zunge und tränenverschmiertes Make up eingehüllt in viel zu weite Strickpullover. Im wundervollen „Is this love?“ brüllt er seine Verzweiflung hinaus und wird dabei von beklemmenden Melodien begleitet, die einem wie Schritte in einer dunklen Nacht verfolgen.

In „Paperboat“ stellt er dann die Frage, die sich auch mir beim Hören stellt, darf man noch hoffen, soll man aufgeben? „Will this boat be saved? Down to the cliffs, by the ocean, I followed it into the sea...into the sea...“

Ist alles zum Scheitern verurteilt und ist Liebe wirklich der bedrückende Schmerz, wie er sie uns beschrieben hat?

Die erleichternde und samtig weiche Antwort gibt er uns zum Finale,

„If we try, try, try
Your bruised and blackened eyes will come alive and light again „


Liam Frost and the Slowdown Family haben es geschafft, ein Album so Herz zerreißend und beruhigend zugleich, wie „Amelie“ oder „Little Miss Sunshine“ gucken. Wer sich das entgehen lässt, hat selber Schuld und wirklich Grund zu verzweifeln.

http://www.liamfrost.co.uk/

 


Letzte Aktualisierung ( Donnerstag, 22. März 2007 )